Der Long Call – Kauf von Call-Optionen

Wir haben hier schon den Long Call als eine von acht Grundstrategien vorgestellt. Dieses Artikel geht tiefer: Wie wählt man den richtigen Strike und die richtige Laufzeit? Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Kauf – und wann nicht? Wie geht man mit einer laufenden Position um? Und was ist der häufigste Fehler von Einsteigern beim Call-Kauf?

Kurze Wiederholung: Was ist ein Long Call?

Ein Long Call ist das Recht, 100 Aktien des Basiswerts bis zum Verfalltag zum Strike-Preis zu kaufen. Der Käufer zahlt dafür eine Prämie. Er profitiert, wenn der Kurs des Basiswerts über den Strike steigt. Sein maximaler Verlust ist auf die gezahlte Prämie begrenzt; sein Gewinnpotenzial ist nach oben theoretisch unbegrenzt.

Der Long Call ist die direkteste Möglichkeit, mit geringem Kapital von einem erwarteten Kursanstieg zu profitieren – dank der Hebelwirkung mit einem Vielfachen der Rendite (*) gegenüber dem direkten Aktienkauf.

Wie man mit einem Long Call tatsächlich Gewinn erzielt

Hier liegt der häufigste Denkfehler von Einsteigern: Die Option muss nicht ausgeübt werden, um Gewinn zu erzielen. Tatsächlich werden die meisten Optionen nicht ausgeübt – sie werden vorher einfach weiterverkauft.

Wenn eine gekaufte Call-Option im Wert gestiegen ist – weil die Aktie gestiegen ist, weil die Volatilität gestiegen ist, oder beides –, kann man sie schlicht an der Börse zum höheren Preis verkaufen. Das Gegengeschäft heißt Glattstellen. Man nimmt den Gewinn, ohne die Aktie je zu besitzen oder kaufen zu müssen.

Übersicht: Drei Wege aus einer Long-Call-Position
1.  Glattstellen (häufigste Methode): Die Option vor Verfall verkaufen. Der Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufspreis der Option ist der Gewinn oder Verlust.
2.  Ausüben: Das Kaufrecht ausüben, die 100 Aktien zum Strike-Preis erwerben. Macht Sinn, wenn man die Aktie tatsächlich langfristig halten möchte oder kein Käufer für die Option vorhanden ist.
3.  Verfallen lassen: Ist die Option bis zum Verfall aus dem Geld, verfällt sie wertlos. Verlust = gezahlte Prämie.

Das Glattstellen ist in aller Regel die sinnvollste Methode: Man vermeidet die Transaktionskosten des Aktienkaufs und -verkaufs, behält die volle Flexibilität und realisiert den Gewinn der Option direkt.

Gewinn, Verlust und Break-even

Das Gewinn-Verlust-Profil eines Long Calls ist klar und definiert:

  • Maximaler Verlust: Die gezahlte Prämie – und kein Cent mehr. Selbst wenn die Aktie auf null fällt, verliert der Käufer nur seinen Einsatz.
  • Break-even: Strike + Prämie. Erst wenn die Aktie bei Verfall über diesem Niveau notiert, ist die Position profitabel.
  • Gewinn: Aktienkurs minus Strike minus Prämie – je höher der Kurs, desto größer der Gewinn. Nach oben unbegrenzt.

Beispiel: SAP-Aktie bei 195 €. Kauf eines Calls mit Strike 200 €, Laufzeit 45 Tage, Prämie 4,50 €. Kapitaleinsatz: 4,50 € × 100 = 450 €. Break-even bei Verfall: 200 + 4,50 = 204,50 €.
SAP steigt auf 215 €: Gewinn = (215 − 200 − 4,50) × 100 = 1.050 €. Rendite (*) auf den Einsatz: +233 %.
SAP fällt auf 185 €: Option verfällt wertlos. Verlust: 450 € (die gezahlte Prämie).

Alternative Glattstellung: SAP steigt nach 20 Tagen auf 210 €. Option nun ca. 12 € wert → Gewinn durch Verkauf: (12 − 4,50) × 100 = 750 €, ohne die Aktie je zu besitzen.

Den richtigen Strike wählen: Die Delta-Methode

Die wichtigste Frage beim Kauf einer Call-Option: Welchen Strike soll ich wählen? Hier ist das Delta das nützlichste Werkzeug:

Strike-WahlDeltaPrämieHebelwirkungGeeignet für
Tief im Geld (ITM)0,70 – 0,90HochNiedrigAktienersatz-Strategie, konservative Ausrichtung
Am Geld (ATM)0,45 – 0,55MittelMittelStandardmäßiger Einstieg für direktionale Wetten
Leicht aus dem Geld (OTM)0,25 – 0,40GünstigHochModerates Risiko, gute Balance aus Kosten und Chance
Weit aus dem Geld (OTM)0,10 – 0,20Sehr günstigSehr hochSpekulation auf starke Bewegung – hohes Verlustrisiko

Für Einsteiger empfiehlt sich ein Delta zwischen 0,40 und 0,55 – also ein Strike nahe am aktuellen Kurs. Das gibt eine solide Wahrscheinlichkeit, ins Geld zu laufen, ohne zu viel Prämie zu zahlen. Weit aus dem Geld liegende Calls sind verlockend günstig, aber die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns ist entsprechend gering.

Erinnerung aus Kapitel 8: Das Delta entspricht auch annähernd der Wahrscheinlichkeit, dass die Option bei Verfall im Geld landet. Ein Delta von 0,30 bedeutet: Nur in etwa 30 % der Fälle wird dieser Strike bei Verfall profitabel sein.

Die richtige Laufzeit wählen: Theta im Blick behalten

Der Zeitwertverfall (Theta) arbeitet täglich gegen den Käufer einer Option. Das bedeutet: Je kürzer die Restlaufzeit, desto aggressiver schmilzt der Wert der Option – selbst wenn die Aktie sich kaum bewegt. Die Wahl der Laufzeit ist deshalb fast so wichtig wie die Wahl des Strikes.

Kurzfristige Calls (unter 21 Tage bis Verfall)

Hochspekulativ. Der Zeitwertverfall ist extrem, die Aktie muss sich schnell und stark genug bewegen, um die täglich schmelzende Prämie zu übertrumpfen. Für Einsteiger kaum empfohlen – nur als gezieltes Ereignis-Trade geeignet (z. B. unmittelbar vor einem Quartalsergebnis).

Mittlere Laufzeiten (30–90 Tage)

Der Sweet Spot für die meisten Long-Call-Strategien. Genug Zeit, damit sich die Aktie in die erwartete Richtung entwickeln kann – und der Zeitwertverfall ist noch handhabbar. Der Zeitwertverlust beschleunigt sich erst in den letzten 30 Tagen deutlich.

LEAPS (Long-Term Equity Anticipation Securities, 6–24 Monate)

Sehr langfristige Optionen, die als Aktienersatz funktionieren. Wer überzeugt ist, dass eine Aktie in den nächsten 12–18 Monaten deutlich steigen wird, aber nicht das Kapital für 100 Aktien aufwenden möchte, kann einen tief-im-Geld LEAPS-Call kaufen (Delta ca. 0,80). Die Option verhält sich fast wie die Aktie selbst, mit deutlich weniger Kapitaleinsatz. Der Zeitwertverfall ist bei LEAPS vergleichsweise gering.

Faustregel zur Laufzeit: Kaufen Sie Calls mit mindestens doppelt so viel Restlaufzeit, wie Sie erwarten, dass die Bewegung braucht. Erwarten Sie, dass SAP innerhalb von 3 Wochen auf ein Ziel steigt? Kaufen Sie 6–8 Wochen Laufzeit. Das gibt Puffer für den Fall, dass die Bewegung etwas länger dauert als erwartet.

Implizite Volatilität: Wann ist ein guter Zeitpunkt zum Kauf?

Die implizite Volatilität (IV) ist der unsichtbare Preisfaktor, der Call-Optionen teurer oder günstiger macht, unabhängig vom Aktienkurs. Wer Calls kauft, wenn die IV hoch ist, zahlt überhöhte Prämien – und kann selbst dann Geld verlieren, wenn die Aktie in die richtige Richtung zieht, weil die fallende IV (IV-Crush) den Gewinn aufzehrt.

Die einfache Regel: Kaufe Calls, wenn die IV im Vergleich zur historischen Norm niedrig ist (niedriger IV-Rank). Das ist das Äquivalent zum Einkaufen im Ausverkauf – man bekommt dasselbe Produkt zu einem günstigeren Preis.

Der IV-Crush-Effekt beim Call-Kauf: Vor Quartalsergebnissen steigt die IV einer Aktie regelmäßig stark an. Wer kurz vor dem Ergebnis einen Call kauft und Recht behält (die Aktie steigt), stellt manchmal fest, dass seine Option dennoch an Wert verloren hat. Ursache: Die IV ist nach dem Ergebnis schlagartig gefallen und hat den Kursgewinn mehr als aufgezehrt. Diesen Effekt (IV-Crush) haben wir hier beschrieben. Als Call-Käufer sollten Sie entweder früh genug vor dem Ereignis kaufen (bevor die IV stark ansteigt) oder Ereignis-getriebene Käufe kurzfristiger Calls gezielt einsetzen – mit dem Bewusstsein, dass eine sehr präzise Vorhersage nötig ist.

Was kann passieren? Die drei Szenarien

Jede Long-Call-Position endet in einem von drei Szenarien:

Szenario 1: Die Aktie steigt wie erwartet

Der Optionspreis steigt mit. Wann ist der richtige Moment zum Verkauf? Das hängt vom Gewinnziel ab, das Sie vor dem Trade festgelegt haben. Ein bewährter Ansatz: Verkaufen Sie die Option, wenn Sie 50 % des maximal möglichen Gewinns erreicht haben. Das klingt konservativ, aber es schützt davor, auf den Gipfel zu warten und zuzuschauen, wie der Kurs wieder fällt.

Szenario 2: Die Aktie bewegt sich kaum

Das ist das gefährlichste Szenario für einen Call-Käufer – nicht der Kursrückgang, sondern die Stagnation. Der Zeitwertverfall frisst täglich an der Option, ohne dass ein Kursgewinn dagegenhält. Nach 50 % Zeitablauf hat die Option im günstigsten Fall bereits ein Drittel ihres Wertes verloren. Wenn die Kursbewegung ausbleibt und keine neuen Informationen für einen baldigen Anstieg sprechen, ist ein vorzeitiger Ausstieg sinnvoller als weiteres Warten.

Szenario 3: Die Aktie fällt

Der Wert der Call-Option sinkt schnell. Legen Sie vor dem Trade eine Verlustgrenze fest: Verliert die Option 30–50 % ihres Werts ohne Anzeichen einer Erholung, ist ein Ausstieg sinnvoll. Der Verlust ist auf die Prämie begrenzt – aber eine verbleibende Option mit noch ein paar Wochen Laufzeit ist im schlimmsten Fall noch ein paar Euro wert. Diese zu halten und zu hoffen ist seltener eine gute Strategie als ein sauberer Schnitt.

Event-getriebene Long Calls: Gezielte Ereignisstrategien

Eine besondere Anwendung des Long Calls: der gezielte Kauf vor einem Ereignis, das eine starke Kursbewegung auslösen könnte – Quartalsergebnisse, Produktankündigungen, EZB-Entscheidungen, gerichtliche Urteile. Hier nutzt man die Optionen nicht als Trendfolge (*)-Instrument, sondern als Ereigniswette.

Die Anforderungen an diese Strategie sind hoch:

  • Die Richtung der Kursbewegung muss korrekt vorhergesagt werden.
  • Die Bewegung muss groß genug sein, um Break-even zu überschreiten.
  • Der Kauf muss früh genug erfolgen, bevor die IV durch die Ereignis-Erwartung stark ansteigt.

Wer alle drei Punkte konsequent beachtet, kann mit ereignis-getriebenen Calls sehr gute Ergebnisse erzielen. Wer sie ignoriert – insbesondere den dritten – zahlt zu viel für die Option und verliert oft auch bei richtiger Richtungseinschätzung.

Informationsquellen: Für deutsche Aktien und DAX-Werte sind folgende Quellen empfehlenswert: Handelsblatt (handelsblatt.com), Finanzen.net und Manager Magazin für Unternehmensnachrichten; die Investor-Relations-Seiten der DAX-Unternehmen für Ergebnis-Termine und Pressemitteilungen; Tradingview.com für Chart-Analyse; und die VDAX-Daten der Deutschen Börse für das aktuelle Volatilitätsniveau.
Für US-Aktien bleiben Bloomberg, Reuters und die Investor-Relations-Seite des jeweiligen Unternehmens die zuverlässigsten Quellen.

Checkliste: Vor dem Kauf einer Call-Option

Bevor Sie eine Call-Option kaufen, sollten Sie sich diese Fragen gestellt und beantwortet haben:

  • Trend: Befindet sich die Aktie im Aufwärtstrend? Handeln Sie mit dem Trend, nicht dagegen.
  • Kerzenmuster: Gibt es ein Kaufsignal? Ein Hammer, bullisches Engulfing oder Ausbruch aus einer Konsolidierung verstärkt das Signal.
  • IV-Niveau: Ist der IV-Rank niedrig (unter 30)? Beim Kauf von Optionen wollen Sie günstige Prämien, keine überhöhten.
  • Strike: Delta zwischen 0,40 und 0,55? Am Geld oder leicht aus dem Geld für einen ausgewogenen Einstieg.
  • Laufzeit: Mindestens 30, besser 45–60 Tage? Puffer für den Zeitwertverfall.
  • Break-even realistisch: Strike + Prämie – ist dieses Kursziel innerhalb der Restlaufzeit tatsächlich erreichbar?
  • Gewinnziel und Verlustgrenze: Schriftlich festgelegt, bevor der Trade eingegangen wird.
  • Kapitalanteil: Nicht mehr als 4–5 % des Gesamtkapitals in eine einzige Position.

Je mehr dieser Punkte eindeutig für einen Trade sprechen, desto besser ist die Ausgangslage. Sprechen weniger als vier Punkte klar für den Trade, ist es meistens sinnvoller zu warten, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt.


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