Volatilität an den Märkten

Kein Begriff begegnet Ihnen im Optionshandel häufiger als Volatilität. Sie taucht in Gesprächen über Strategien auf, in der Optionskette, in den Nachrichten nach einem Börsenabsturz – und sie steckt direkt im Optionspreis. Wer Volatilität versteht, hat einen erheblichen Vorsprung gegenüber denjenigen, die lediglich auf Kursrichtungen wetten.

Kurzfristiges Chaos vs. langfristiger Trend

Langfristige Anleger wissen, dass der Aktienmarkt in Jahrzehnten betrachtet eine klare Aufwärtstendenz aufweist. Deshalb funktioniert das sogenannte Cost-Averaging: Wer regelmäßig investiert, kauft mal günstiger, mal teurer – und gleicht damit kurzfristige Schwankungen aus. Für einen langfristigen Aktionär ist Volatilität deshalb meist irrelevant.

Für den Optionshändler dagegen ist Volatilität alles andere als irrelevant – sie ist das zentrale Element des Handels. Optionen laufen in Tagen, Wochen oder Monaten ab. In diesem Zeithorizont ist der Markt kurzfristig tatsächlich chaotisch: Ein Kursanstieg heute sagt nichts darüber aus, was morgen passiert. Selbst ein Unternehmen mit hervorragenden Fundamentaldaten kann kurzfristig stark schwanken.

Das bedeutet nicht, dass man blind auf Glück hofft. Aber es bedeutet: Wer mit Optionen handelt, muss lernen, Volatilität einzuschätzen, zu nutzen und zu managen – und nicht, sie zu ignorieren.

Historische und implizite Volatilität

Historische Volatilität (HV)

Die historische Volatilität beschreibt, wie stark ein Kurs in der Vergangenheit geschwankt hat. Sie wird aus vergangenen Kursdaten berechnet – typischerweise über 20, 30 oder 60 Handelstage – und in Prozent pro Jahr angegeben. Eine Aktie mit 30 % HV hat sich im Betrachtungszeitraum im Schnitt um 30 % pro Jahr bewegt. Die HV gibt also eine Art Erfahrungswert: Wie unruhig war diese Aktie bisher?

Implizite Volatilität (IV)

Die implizite Volatilität ist das, was der Markt aktuell für die künftige Schwankungsbreite einer Aktie einpreist. Sie wird nicht direkt gemessen, sondern aus den aktuellen Optionspreisen rückwärts berechnet: Wenn Optionen teuer sind, ist die IV hoch – der Markt erwartet starke Bewegungen. Wenn Optionen günstig sind, ist die IV niedrig.

Die IV steigt typischerweise in Phasen der Unsicherheit oder Angst – etwa vor Quartalsergebnissen, bei politischen Ereignissen oder in Marktabschwüngen. In ruhigen, steigenden Märkten fällt sie tendenziell.

Wie in Kapitel 8 erläutert, misst Vega (ν) die Sensitivität des Optionspreises gegenüber einer Veränderung der impliziten Volatilität. IV und Vega sind also eng verknüpft – aber es sind verschiedene Dinge: IV ist die Eingabe, Vega ist die Reaktion des Optionspreises auf diese Eingabe.

IV-Rank und IV-Percentile: Ist die Volatilität gerade hoch oder niedrig?

Zu wissen, dass die IV einer Aktie bei 35 % liegt, ist wenig hilfreich, wenn man nicht weiß, ob das für diese Aktie normal, außergewöhnlich hoch oder außergewöhnlich niedrig ist. Hier kommen zwei praktische Kennzahlen ins Spiel:

  • IV-Rank (IVR): Gibt an, wo die aktuelle IV im Vergleich zur Spanne der letzten 52 Wochen liegt – von 0 (historisches Jahrestief) bis 100 (historisches Jahreshoch). Ein IVR von 70 bedeutet: Die aktuelle IV ist höher als 70 % der Werte der letzten 52 Wochen.
  • IV-Percentile (IVP): Ähnlich wie IVR, aber misst den Anteil der Handelstage im letzten Jahr, an denen die IV unterhalb des aktuellen Werts lag. Ein IVP von 80 bedeutet: An 80 % der Tage des letzten Jahres war die IV niedriger als heute.

Warum ist das wichtig? Als Stillhalter (Optionsverkäufer (*)) möchten Sie hohe Prämien vereinnahmen – das gelingt am besten, wenn die IV hoch ist. Als Optionskäufer sollten Sie möglichst günstig kaufen – also bei niedriger IV. IV-Rank und IV-Percentile geben Ihnen den Kontext, den eine nackte IV-Zahl nicht liefert.

IV-Rank / PercentileBedeutungGünstig für…
0 – 25IV ungewöhnlich niedrigOptionskäufer
 (günstige Prämien)
25 – 50IV im normalen BereichBeide Seiten möglich
50 – 75IV erhöhtStillhalter
(höhere Prämien)
75 – 100IV sehr hoch,
oft kurzfristig
Stillhalter – aber
Vorsicht bei IV-Crush

Der VIX und der VDAX – die Angstbarometer der Märkte

Neben der aktienspezifischen IV gibt es Volatilitätsindizes, die die erwartete Schwankungsbreite des gesamten Marktes messen. Das bekannteste Instrument ist der VIX, berechnet von der CBOE auf Basis der S&P-500-Optionen. Ein hoher VIX – historisch gelten Werte über 30 als Zeichen erheblicher Marktangst – signalisiert breite Unsicherheit und hohe Optionsprämien im gesamten Markt.

Für Händler, die DAX-Werte oder DAX-Optionen handeln, ist der VDAX die entsprechende Kennzahl. Er wird von der Deutschen Börse aus den an der Eurex gehandelten DAX-Optionen berechnet und misst die für die nächsten 30 Tage erwartete Schwankungsbreite des DAX. Er verhält sich wie der VIX: Steigende Werte signalisieren Unsicherheit, fallende Werte signalisieren Ruhe.

Praktische Nutzung von VIX und VDAX: Vor dem Eingehen einer neuen Optionsposition lohnt ein kurzer Blick auf VIX oder VDAX. Liegt der VDAX bei 12 (historisch niedrig), sind DAX-Optionen günstig zu kaufen, aber als Stillhalter verdienen Sie wenig. Liegt er bei 35 (historisch hoch), sind Prämien als Stillhalter sehr attraktiv – aber die Märkte sind unruhig, und ein plötzlicher weiterer Anstieg der IV kann die Position kurzfristig belasten.  

Volatilität aus beiden Perspektiven

Volatilität ist für Optionskäufer und Stillhalter auf unterschiedliche Weise relevant – und das Verständnis dieses Unterschieds ist für jeden Optionshändler grundlegend.

Für den Optionskäufer

Als Käufer einer Option benötigen Sie eine ausreichend starke Kursbewegung der Aktie, um mit der Position Gewinn zu erzielen. Eine Aktie, die sich kaum bewegt, ist für Sie wertlos – der Zeitwertverfall frisst die Prämie, die Sie gezahlt haben, täglich ein Stück weiter weg. Deshalb bevorzugen Optionskäufer volatile Aktien mit hoher historischer Volatilität: Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass sich der Kurs bis zum Verfall stark genug bewegt.

Aber: Kaufen Sie Optionen, wenn die implizite Volatilität bereits sehr hoch ist, zahlen Sie eine erhöhte Prämie. Fällt die IV danach – etwa nach einem Quartalsergebnis –, verliert Ihre Option selbst dann an Wert, wenn die Aktie sich in die richtige Richtung bewegt hat. Dieses Phänomen (IV-Crush) wurde in Kapitel 5 beschrieben.

Für den Stillhalter

Als Stillhalter (Optionsverkäufer (*)) ist hohe IV Ihr Verbündeter. Sie schreiben Optionen, wenn Prämien durch hohe IV aufgebläht sind, und profitieren davon, wenn die IV danach fällt und die Optionen günstiger werden oder wertlos verfallen. Aus diesem Grund bevorzugen viele professionelle Händler Stillhalter-Strategien wie den Covered Call (*) oder den Cash-Secured Put in Phasen erhöhter Volatilität.

Gleichzeitig gilt: Extreme Volatilität erhöht das Risiko für den Stillhalter erheblich, weil starke Kursbewegungen gegen die Position gehen können. Wer in einem VIX-40-Umfeld ungedeckte Optionen schreibt, braucht breite Sicherheitsmargen und konsequentes Risikomanagement.

Was tun, wenn sich eine Position gegen Sie entwickelt?

Selbst gut geplante Trades laufen manchmal gegen die eigene Erwartung. Das ist normal und kein Versagen – es gehört zum Optionshandel dazu. Entscheidend ist, was Sie in diesem Moment tun. Es gibt drei grundlegende Optionen:

1. Position glattstellen (vorzeitig verkaufen)

Jede Option, die Sie gekauft haben, können Sie vor dem Verfalltag wieder verkaufen – auch wenn sie im Minus liegt. Sie realisieren damit zwar einen Verlust, aber Sie begrenzen ihn und setzen das restliche Kapital für einen besseren Trade frei.

Wie viel Sie beim Verkauf noch erzielen können, hängt von zwei Faktoren ab: dem verbleibenden Zeitwert und der Nachfrage. Je mehr Zeit bis zum Verfall verbleibt, desto höher ist in der Regel der noch erzielbare Verkaufspreis. Je näher der Verfall, desto weniger ist die Option noch wert – und desto schwieriger wird der Verkauf zu einem fairen Preis.

2. Position halten und auf Erholung warten

Liegt noch ausreichend Zeit bis zum Verfall vor Ihnen, kann die Aktie sich durchaus noch in Ihre Richtung bewegen. Wenn Ihre ursprüngliche Einschätzung noch logisch erscheint und das Unternehmen keine fundamentale Veränderung erfahren hat, kann das Halten gerechtfertigt sein.

Die Gefahr: Man wartet zu lange in der Hoffnung auf Erholung, obwohl die Rahmenbedingungen sich geändert haben. Legen Sie vorher fest, bei welchem Verlust Sie konsequent aussteigen – und halten Sie sich daran.

3. Die Option verfallen lassen

Liegt die Option klar aus dem Geld und ist kaum noch Zeit bis zum Verfall, ist es manchmal sinnvoller, die Option wertlos verfallen zu lassen, anstatt sie für wenige Cent zu verkaufen. Transaktionskosten und Aufwand stehen dann in keinem Verhältnis zum möglichen Erlös.

Die häufigste Falle: Gier beim Gewinn, Zögern beim Verlust Das beobachtet man immer wieder: Eine Option steigt, der Händler wartet auf noch mehr Gewinn – und verpasst den richtigen Ausstiegszeitpunkt. Umgekehrt hält er an einer Verlustposition fest, obwohl ein frühzeitiger Ausstieg die bessere Entscheidung wäre. Beides ist eine emotionale Reaktion, kein rationaler Plan. Legen Sie vor jedem Trade zwei Werte schriftlich fest: das Kursniveau, bei dem Sie Gewinn nehmen, und das Niveau, bei dem Sie aussteigen und den Verlust begrenzen. Sobald eines davon erreicht ist, handeln Sie – ohne Nachdenken.

Profit-Ziele vor dem Trade festlegen

Niemand kann wissen, welchen Höchstkurs eine Aktie bis zum Verfall einer Option erreichen wird. Wer darauf wartet, den „perfekten“ Ausstiegszeitpunkt zu erwischen, wird fast immer enttäuscht.

Professionelle Händler setzen sich deshalb vor dem Trade klare Ziele: ein Kursniveau, bei dem sie zufrieden Gewinn nehmen, und eine Schmerzgrenze, bei der sie Verluste begrenzen. Diese Werte werden vor dem Eingehen der Position festgelegt – nicht inmitten der Emotionen eines laufenden Trades.

Ein einfaches Beispiel: Sie kaufen eine Call-Option und legen fest, dass Sie aussteigen, wenn der Optionspreis um 50 % gestiegen ist – oder aber aussteigen, wenn er um 30 % gefallen ist. Dieses regelbasierte System ersetzt emotionale Entscheidungen durch objektive Kriterien.

Das ist keine Garantie für Gewinne. Aber es stellt sicher, dass Sie langfristig diszipliniert handeln – und Disziplin ist der entscheidende Unterschied zwischen Händlern, die dauerhaft erfolgreich sind, und solchen, die es nicht sind.

Volatilität zunächst ohne echtes Geld kennenlernen

Der beste Weg, ein Gefühl für volatile Märkte zu entwickeln, ist das sogenannte Paper Trading – also der simulierte Handel ohne echtes Kapital. Man beobachtet eine Aktie, trifft Entscheidungen wie im echten Leben, und verfolgt, wie sich die Position entwickelt hätte.

Dieses Vorgehen kostet nichts außer Zeit – und lehrt dabei unschätzbar wertvolle Lektionen: Wie fühlt es sich an, wenn die Aktie gegen einen läuft? Wie schwer fällt es, an einer Position festzuhalten, wenn der Kurs fällt? Wie oft wäre man zu früh oder zu spät ausgestiegen?

Demokonten: Die meisten für Optionshandel geeigneten Broker (*) in Deutschland bieten kostenlose Demokonten an. Bei Interactive Brokers gibt es ein vollwertiges Paper-Trading-Konto (TWS Paper Trader) mit echten Marktdaten, auf dem alle Strategien mit Spielgeld getestet werden können – inklusive Optionen. Auch CapTrader und LYNX als Vermittler bieten Demokonten an. Empfohlen wird, mindestens einen vollen Optionszyklus (30–60 Tage) im Demomodus zu handeln, bevor echtes Kapital eingesetzt wird.

Das Ziel eines jeden Optionshändlers ist nicht, jedes Mal den Markt perfekt zu timen. Das Ziel ist, häufiger richtig als falsch zu liegen – und bei Fehlern konsequent zu begrenzen, was verloren geht.


(*) Kleiner Hinweis: Hinter manchen Links steckt ein Affiliate-Programm. Du zahlst denselben Preis, aber ich bekomme ein wenig Taschengeld für die nächste Recherche. Danke, dass du meine Inhalte so direkt unterstützt!

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