Die beste Optionsstrategie bringt wenig, wenn der Basiswert ungeeignet ist. Welche Aktie – oder welcher Index – Sie als Grundlage für Ihre Optionsposition wählen, hat genauso viel Einfluss auf Ihren Erfolg wie die Strategie selbst. Dieses Kapitel zeigt, worauf es bei der Auswahl eines guten Basiswerts ankommt – und welche Aktien Sie besser meiden sollten.
Finger weg von Pennystocks
Viele Einsteiger fühlen sich von Pennystocks angezogen, weil sie günstig sind und gelegentlich explosive Bewegungen zeigen. Genau das sind jedoch auch die Gründe, warum diese Aktien für den Optionshandel denkbar ungeeignet sind.
Pennystocks sind Aktien mit sehr niedrigem Kurs, meist unter einem Euro bzw. Dollar, die häufig außerhalb der regulären Börsen über sogenannte OTC-Plattformen gehandelt werden. Die meisten dieser Unternehmen weisen keine belastbare Unternehmensgeschichte, kaum regulatorische Anforderungen und schlechte Transparenz auf.
Das Hauptproblem für Optionshändler: Auf die meisten Pennystocks werden gar keine standardisierten Optionen angeboten – und wenn, sind die Optionsketten hauchdünn, die Spreads enorm und das Handelsvolumen zu gering für einen fairen Preis. Wer Pennystocks handelt, macht in der Regel weder als Käufer noch als Stillhalter ein gutes Geschäft.
Konzentrieren Sie sich als Einsteiger auf solide, liquide Aktien mit nachweisbarer Erfolgsbilanz – und lassen Sie sich von niemandem überreden, davon abzuweichen.
Kriterium 1: Hohe Aktien-Liquidität
Liquidität bei Aktien beschreibt, wie viele Aktien eines Unternehmens täglich gehandelt werden. Eine hohe Liquidität ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für jeden Optionshändler – aus mehreren Gründen:
- Enge Geld-Brief-Spreads: Bei liquiden Aktien liegen Kauf- und Verkaufspreis nah beieinander. Je größer der Spread, desto mehr bezahlen Sie allein fürs Ein- und Aussteigen.
- Fairere Preise: Bei dünnem Handelsvolumen können einzelne größere Marktteilnehmer künstlich Momentum erzeugen – eine Falle, in die unerfahrene Händler leicht tappen.
- Schnelle Glattstellung: Wer seine Position schließen möchte, muss einen Käufer finden. Bei illiquiden Aktien kann das schwierig oder nur mit großen Preiszugeständnissen möglich sein.
Als Orientierungswert gilt: Aktien mit einem täglichen Handelsvolumen von mindestens 500.000 bis 1.000.000 gehandelten Anteilen gelten als ausreichend liquide für den Optionshandel. Bei US-Titeln ist dieses Kriterium bei den meisten bekannten Unternehmen problemlos erfüllt.
Kriterium 2: Liquidität der Optionskette
Hier kommt ein Punkt ins Spiel, den das Aktien-Kriterium allein nicht abdeckt: Eine Aktie kann sehr liquide sein und trotzdem illiquide Optionen haben. Eine hochliquide Aktie mit wenig gehandelten Optionen ist für Optionshändler fast genauso problematisch wie eine illiquide Aktie.
Worauf sollten Sie in der Optionskette achten?
- Open Interest (*) (Offene Positionen): Das Open Interest (*) zeigt, wie viele Kontrakte eines bestimmten Strikes und Verfalls aktuell offen sind. Je höher, desto besser. Als grobe Untergrenze gilt: mindestens einige Hundert offene Kontrakte pro Strike, besser mehrere Tausend.
- Tägliches Optionsvolumen: Wie viele Kontrakte dieses Strikes wurden heute tatsächlich gehandelt? Hohes Volumen sorgt für faire Preise und schnelle Ausführung.
- Bid-Ask-Spread der Option: Auch Optionen selbst haben einen Geld- und Briefkurs. Ein Spread von 0,05 bis 0,10 Euro bzw. Dollar gilt als eng und gut. Ein Spread von 0,50 Euro oder mehr deutet auf schlechte Liquidität hin und frisst bereits beim Einstieg einen erheblichen Teil der möglichen Rendite.
- Verfügbarkeit mehrerer Laufzeiten und Strikes: Eine breite Optionskette mit vielen Verfallmonaten und gut verteilten Basispreisen ist ein Zeichen dafür, dass der Markt aktiv in dieser Aktie gehandelt wird.
| Problem im Euro-Raum – die Eurex-Optionskette: An der Eurex werden Optionen nur auf eine begrenzte Auswahl an Basiswerten angeboten. Besonders liquide und gut gehandelt sind in der Regel Optionen auf die großen DAX-Werte (z. B. SAP, Siemens, Allianz, BASF, Deutsche Telekom, Münchener Rück) sowie auf den DAX-Index selbst (ODAX). Für MDAX-Werte oder kleinere deutsche Unternehmen gibt es oft kaum oder gar keine liquiden Optionsketten. Wer auf der Suche nach einem geeigneten Basiswert ist, sollte im Eurex-Produktverzeichnis zunächst prüfen, ob der gewünschte Titel überhaupt mit ausreichendem Open Interest (*) verfügbar ist – bevor er die Aktie auf andere Kriterien hin analysiert. Viele deutsche Optionshändler weichen daher auf US-Aktien aus, da dort die Optionsmärkte mit Abstand am liquidesten sind. |
Kriterium 3: Die richtige Volatilität
Ein gewisses Maß an Volatilität ist für Optionshändler wünschenswert – eine Aktie, die sich nie bewegt, bietet kaum Handelsmöglichkeiten, und Optionsprämien wären extrem niedrig. Gleichzeitig sollte die Volatilität nicht so extrem sein, dass sie das Risiko unbeherrschbar macht.
Das Besondere im Optionshandel: Volatilität spielt gleich doppelt eine Rolle.
- Historische Volatilität: Wie stark hat sich die Aktie in der Vergangenheit tatsächlich bewegt? Dieser Wert gibt einen Anhaltspunkt dafür, wie unruhig die Aktie erfahrungsgemäß ist.
- Implizite Volatilität (IV): Wie stark erwartet der Markt, dass sich die Aktie künftig bewegt? Dieser Wert steckt direkt in der Optionsprämie. Ist die IV sehr hoch – etwa vor einer Ergebnisveröffentlichung –, sind die Prämien teuer für Käufer, aber attraktiv für Stillhalter. Fällt die IV nach dem Ereignis wieder, können Optionskäufer sogar dann verlieren, wenn sich die Aktie in die erwartete Richtung bewegt hat (IV-Crush).
Als Einsteiger sollten Sie Aktien bevorzugen, die eine moderate, stabile Volatilität aufweisen – keine ruhenden Gewässer, aber auch kein Chaos. Aktien, die kurz vor oder nach Quartalsergebnissen, Gerichtsurteilen oder unerwarteten Großereignissen extrem schwanken, sind für erste Schritte ungeeignet.
Kriterium 4: Korrelation mit dem Markt
Aktien, die sich weitgehend parallel zum Gesamtmarkt bewegen – also eine hohe Korrelation zum relevanten Index aufweisen –, sind für Optionshändler leichter einzuschätzen. Steigt der Markt, steigt auch diese Aktie; fällt er, fällt auch sie. Dieses Verhalten macht die Aktie berechenbarer.
Aktien, die sich unabhängig vom oder gar entgegen dem Markt bewegen, können schwer zu handeln sein: Man kauft, weil der Markt steigt – aber die Aktie fällt dennoch. Solche Überraschungen sind für jeden Händler unangenehm, für den Optionshändler mit einer laufenden Position besonders unangenehm, weil sich auch der Zeitwert gegen ihn entwickelt, solange die Position falsch liegt.
Für Einsteiger empfiehlt es sich, mit Aktien der ersten Reihe zu beginnen – also den bekanntesten Unternehmen eines Leitindex –, da diese in aller Regel die stärkste Korrelation zum Markt aufweisen.
Kriterium 5: Solide Fundamentaldaten
Für kurzfristige Trades mag es auf den ersten Blick egal wirken, ob ein Unternehmen wirtschaftlich gesund ist – Optionen laufen ja ohnehin nur Wochen oder Monate. Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Fundamentaldaten, und zwar aus einem einfachen Grund: Aktien mit soliden Fundamentaldaten verhalten sich stabiler, erholen sich nach Rückschlägen schneller und werden von institutionellen Anlegern gehalten, was für eine bessere Liquidität sorgt.
Außerdem gilt: In Phasen allgemeiner Marktschwäche trifft es Aktien mit schlechten Fundamentaldaten deutlich härter. Wer als Stillhalter eine Position in einem solchen Titel hält, kann schnell in einer Situation enden, die weit über seinen ursprünglichen Verlustrahmen hinausgeht.
Als Einsteiger: Handeln Sie bevorzugt mit Aktien von Unternehmen, die seit Jahren profitabel sind, eine erkennbare Marktstellung haben und in einem stabilen Sektor tätig sind.
Kriterium 6: Institutionelle Eigentümerstruktur
Ein oft unterschätzter Faktor: Wer hält die Aktie eigentlich? Grob gesagt gibt es zwei Gruppen von Aktionären – Privatanleger und institutionelle Anleger wie Investmentfonds, Pensionskassen oder Hedgefonds.
Privatanleger reagieren auf Nachrichten sofort und oft emotional: Schlechte Meldungen lösen panikartige Verkäufe aus, die den Kurs in kurzer Zeit stark einbrechen lassen können. Institutionelle Anleger haben dagegen interne Entscheidungsprozesse, die derartige Blitzreaktionen verhindern. Sie halten große Positionen und können diese nicht von heute auf morgen abstoßen, ohne selbst einen nachteiligen Preis zu erzielen.
Das Ergebnis: Aktien mit hohem institutionellen Besitz sind tendenziell stabiler, weniger manipulationsanfällig und verhalten sich verlässlicher gegenüber Marktveränderungen. Der Anteil institutioneller Investoren (*) ist für US-Aktien im Profil der meisten Broker (*) direkt einsehbar; für DAX-Werte finden sich entsprechende Angaben in den Jahresberichten oder auf Anlegerrelations-Seiten der Unternehmen.
Kriterium 7: Klare Chartmuster
Aktien, die in der technischen Analyse klaren Mustern folgen – Trendkanälen, Unterstützungs- und Widerstandsniveaus, Konsolidierungsphasen –, geben dem Optionshändler wertvolle Hinweise auf Wahrscheinlichkeit und Richtung zukünftiger Bewegungen. Solche Aktien sind leichter einzuschätzen als solche, deren Chart zufällig oder unstrukturiert wirkt.
Besonders interessant für Optionshändler sind:
- Unterstützungs- und Widerstandsniveaus: Aktien, die gerade ihre Unterstützung oder einen wichtigen Widerstand testen, befinden sich oft vor einer Richtungsentscheidung – ein potenziell guter Zeitpunkt für eine Optionsposition.
- Nähe am 52-Wochen-Hoch oder -Tief: Diese Marken sind psychologisch bedeutsame Punkte, an denen viele Marktteilnehmer aktiv werden. Oft kommt es hier zu Ausbrüchen oder Umkehrungen, die sich als Grundlage für Optionsstrategien eignen.
- Seitwärtsbewegungen (Konsolidierungen): Befindet sich eine Aktie in einer klaren Seitwärtsphase, sind Strategien wie der Iron Condor oder der Short Strangle besonders geeignet, da die Prämie vereinnahmt wird, ohne dass eine starke Bewegung erwartet werden muss.
Aktien, die keinem erkennbaren Muster folgen und sprunghaft reagieren, können Sie schnell in einer Position gefangen halten, aus der Sie keinen guten Ausweg finden.
Kriterium 8: Nachrichten-Sensibilität
Einige Aktien reagieren verlässlich und stark auf bestimmte Arten von Nachrichten – Quartalsergebnisse, Analystenmeinungen, Produktankündigungen oder makroökonomische Daten. Diese verlässliche Reaktion macht sie für Optionshändler interessant, weil sie planbar ist.
Andere Aktien bleiben auf Nachrichten hin nahezu unbeweglich. Für Optionsstrategien, die auf eine Bewegung angewiesen sind, sind solche Titel unbrauchbar.
Wichtig: Wer gezielt auf Ergebnisveröffentlichungen hin handelt, sollte sich des IV-Crush-Effekts bewusst sein. Die implizite Volatilität steigt in der Regel vor Quartalsergebnissen stark an und fällt danach abrupt, selbst wenn das Ergebnis gut war. Strategien, die von diesem Effekt profitieren (z. B. Short Straddle oder Iron Condor kurz nach der Ergebnisveröffentlichung), nutzen genau das gezielt aus.
Zusammenfassung: Die Checkliste auf einen Blick
Bevor Sie eine Optionsposition in einer Aktie eingehen, können Sie diese Kurzcheckliste durchgehen:
| Kriterium | Was prüfen? |
| Aktien-Liquidität | Tägliches Handelsvolumen ≥ 500.000 Anteile? |
| Optionsketten-Liquidität | Open Interest ≥ mehrere Hundert pro Strike? Bid-Ask-Spread der Option eng? |
| Implizite Volatilität | IV auf normalem oder erhöhtem Niveau? Kein extremes IV-Ereignis unmittelbar bevorstehend? |
| Marktkorrelation | Bewegt sich die Aktie im Gleichklang mit dem Markt? |
| Fundamentaldaten | Profitables Unternehmen mit stabiler Marktstellung? |
| Eigentümerstruktur | Hoher Anteil institutioneller Investoren? |
| Chartmuster | Klare Struktur mit erkennbaren Unterstützungen/Widerständen? |
| Nachrichten-Sensibilität | Verlässliche Kursreaktion auf Nachrichtentypen, die ich nutzen möchte? |
| Keine Pennystocks | Kurs deutlich über einem Euro/Dollar, Börsenlisting an regulierter Börse? |
Kein Basiswert wird alle Kriterien gleich gut erfüllen. Das Ziel ist nicht Perfektion, sondern eine informierte Entscheidung: Je mehr Kriterien erfüllt sind, desto besser geeignet ist der Basiswert für Ihre Optionsposition.
| Ihre persönliche Nische finden: Mit zunehmender Erfahrung werden Sie feststellen, dass bestimmte Aktien oder Sektoren Ihren persönlichen Analysestärken besonders entsprechen. Wer beispielsweise den Technologiesektor gut kennt, wird die Dynamik von SAP, ASML oder US-Tech-Titeln wie Apple besser einschätzen können als ein Branchenfremder. Eine persönliche Nische – ein Bereich, in dem Sie die Zusammenhänge gut verstehen – ist langfristig ein echter Vorteil. Als Einsteiger empfiehlt es sich, zunächst mit zwei oder drei gut verstandenen, liquiden Basiswerten zu beginnen und diese tief zu kennen, anstatt viele Aktien oberflächlich zu beobachten. |
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Risikoinformation
Anlegen ist riskant. Es gibt Produkte, bei denen Ihr Verlust Ihre Einlage übersteigen kann. Die in unseren Beiträgen vorgestellten Strategien oder Informationen dienen ausschließlich als Beispiel für ein besseres Verständnis. Sie sind keine Empfehlungen zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Bitte beachten Sie, dass bei Investitionen am Kapitalmarkt Kursbewegungen große Schwankungen beim eingesetzten Kapital bewirken können, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Wir empfehlen, dass Sie sich vor einer Investition am Kapitalmarkt gut über die Funktionsweise von Produkten und die Risiken informieren, z. B. in den Dokumenten zur Risikoaufklärung.




