Optionsstrategien im Überblick

Die vorangegangenen Beiträgen haben das Fundament gelegt: Was Optionen sind, wie ihre Preise entstehen, welche Basiswerte sich eignen und wie man Trends erkennt. Jetzt geht es ans Eingemachte: die Strategien selbst. Dieser Beitrag stellt die acht wichtigsten Grundstrategien vor – von defensiv bis spekulativ, von einkommensorientiert bis hin zu reinen Richtungswetten. Jede Strategie wird mit Aufbau, Einsatzzweck, Gewinn-Verlust-Profil und einem konkreten Zahlenbeispiel erklärt.

Am Ende des Kapitels finden Sie eine Übersichtstabelle, die alle Strategien auf einen Blick vergleicht.

1. Covered Call (*) (Gedeckter Kaufoptionsverkauf)

Was ist das?

Wer Aktien besitzt und darauf eine Call-Option verkauft (schreibt), handelt einen Covered Call (*). „Covered“ bedeutet gedeckt – die Verpflichtung zur Lieferung der Aktie ist durch den vorhandenen Bestand abgesichert. Der Verkäufer erhält dafür sofort die Optionsprämie.

Wann sinnvoll?

  • Sie halten Aktien langfristig und möchten laufende Einnahmen daraus generieren.
  • Sie erwarten einen leicht steigenden oder seitwärtslaufenden Kurs.
  • Sie wären bereit, die Aktie zum gewählten Strike-Preis zu verkaufen.

Aufbau

  • Position 1: 100 Aktien im Depot halten (oder kaufen)
  • Position 2: 1 Call-Option auf diese Aktie verkaufen (Strike über aktuellem Kurs, Laufzeit 30–45 Tage)

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Prämie + (Strike − Einstandskurs). Begrenzt auf den Strike.
  • Maximaler Verlust: Fällt die Aktie stark, trägt der Stillhalter den vollen Kursverlust (abzüglich der erhaltenen Prämie).
  • Break-even: Einstandskurs − erhaltene Prämie.
Beispiel:
Siemens-Aktie im Depot, aktueller Kurs 175 €. Verkauf eines Calls mit Strike 185 €, Laufzeit 30 Tage, Prämie 2,50 €.
Maximaler Gewinn: 2,50 € (Prämie) + 10 € (Kursgewinn bis Strike) = 12,50 € pro Aktie.
Bei Kurs über 185 € bei Verfall: Aktie wird zum Preis von 185 € abgerufen.
Prämie behalten. Bei Kurs unter 175 €: Prämie (2,50 €) mindert den Verlust aus dem Kursrückgang.
Covered Call (*) auf Dividendentitel: Besonders verbreitet unter deutschen Langfristanlegern: Covered Calls auf dividendenstarke DAX-Werte wie Allianz, BASF oder Deutsche Telekom. Die Prämieneinnahmen ergänzen die Dividende als zusätzliche Ertragsquelle. Wichtig: Wenn die Option kurz vor dem Ex-Dividende-Tag ausgeübt wird, geht dem Stillhalter die Dividende verloren – daher vor dem Schreiben eines Covered Calls immer den nächsten Dividendentermin prüfen.

2. Cash-Secured Put (Bar-gedeckter Verkaufsoptionsverkauf)

Was ist das?

Der Cash-Secured Put ist das Gegenstück zum Covered Call: Hier wird eine Put-Option verkauft. Der Verkäufer verpflichtet sich, die Aktie zum Strike-Preis zu kaufen, falls die Option ausgeübt wird – und hält dafür den entsprechenden Geldbetrag bereit (daher „Cash-Secured“). Er erhält die Prämie sofort.

Wann sinnvoll?

  • Sie möchten eine Aktie gerne zu einem günstigeren Preis kaufen und werden für das Warten bezahlt.
  • Sie erwarten einen stabilen oder leicht steigenden Kurs.
  • Sie hätten kein Problem damit, die Aktie zum gewählten Strike tatsächlich zu kaufen.

Aufbau

  • Position 1: Genug Kapital auf dem Konto bereithalten (Strike × 100 Aktien)
  • Position 2: 1 Put-Option verkaufen (Strike unter aktuellem Kurs, Laufzeit 30–45 Tage)

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Die vereinnahmte Prämie – wenn die Option wertlos verfällt.
  • Maximaler Verlust: Der Kurs fällt auf null (theoretisch). In der Praxis: Verlust = (Strike − aktueller Kurs) − Prämie.
  • Break-even: Strike − erhaltene Prämie.
Beispiel: Allianz-Aktie, aktueller Kurs 240 €. Verkauf eines Puts mit Strike 225 €, Laufzeit 30 Tage, Prämie 3,00 €.
225 € × 100 Aktien = 22.500 € Kapitalreservierung auf dem Konto.
Fällt die Aktie unter 225 €: Zukauf zum Preis von 225 €, effektiver Einstandspreis = 225 − 3 = 222 €.
Bleibt die Aktie über 225 €: Option verfällt wertlos, Prämie (300 €) behalten.

3. Protective Put (Schutz-Put)

Was ist das?

Wer Aktien hält und gleichzeitig eine Put-Option auf diese Aktien kauft, sichert sein Depot nach unten ab. Der Put wirkt wie eine Versicherung: Fällt der Kurs, steigt der Wert des Puts und gleicht den Verlust aus dem Aktienkursrückgang ganz oder teilweise aus. Man spricht von einem Protective Put (oder Married Put, wenn Put und Aktie gleichzeitig gekauft werden).

Wann sinnvoll?

  • Sie halten eine Aktienposition und möchten sich gegen einen starken Kursrückgang absichern, etwa vor einem unsicheren Ereignis.
  • Sie erwarten langfristig steigende Kurse, sind aber kurzfristig unsicher.
  • Sie akzeptieren die Prämienkosten als „Versicherungsprämie“.

Aufbau

  • Position 1: 100 Aktien im Depot halten
  • Position 2: 1 Put-Option auf diese Aktie kaufen (Strike in der Nähe des aktuellen Kurses oder darunter)

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Unbegrenzt (Aktie kann weiter steigen, abzüglich der gezahlten Prämie).
  • Maximaler Verlust: Begrenzt auf die Differenz zwischen Einstiegskurs und Put-Strike plus die gezahlte Prämie.
  • Break-even: Einstandskurs + gezahlte Prämie.
Beispiel:
SAP-Aktie im Depot, Einstandskurs 195 €. Kauf eines Puts mit Strike 185 €, Laufzeit 60 Tage, Prämie 4,00 €.
Fällt SAP auf 170 €: Put wird ausgeübt, Aktie zu 185 € verkauft. Verlust begrenzt auf 195 − 185 + 4 = 14 € je Aktie.
Steigt SAP auf 220 €: Put verfällt wertlos. Gewinn aus der Aktie: 220 − 195 − 4 = 21 € je Aktie.

4. Protective Collar

Was ist das?

Der Protective Collar kombiniert den Covered Call und den Protective Put zu einer einzigen Strategie. Wer Aktien hält, kauft gleichzeitig einen Put (Absicherung nach unten) und verkauft einen Call (Prämieneinnahme). Die Prämie des verkauften Calls kann die Kosten des Puts ganz oder teilweise ausgleichen – die Absicherung wird dadurch „günstiger“ oder sogar kostenneutral.

Wann sinnvoll?

  • Sie halten eine Aktienposition mit Buchgewinn und möchten diesen nach unten absichern.
  • Sie akzeptieren eine Begrenzung des weiteren Gewinns nach oben im Austausch für günstigere Absicherung.
  • Klassischer Einsatz vor größeren Unsicherheitsphasen oder bei bevorstehenden Steuerereignissen.

Aufbau

  • Position 1: 100 Aktien im Depot
  • Position 2: 1 Put-Option kaufen (Strike unter aktuellem Kurs – Schutz)
  • Position 3: 1 Call-Option verkaufen (Strike über aktuellem Kurs – Prämieneinnahme)

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Begrenzt auf den Call-Strike (plus Nettoprämie).
  • Maximaler Verlust: Begrenzt auf den Put-Strike (abzüglich Nettoprämie).
Beispiel:
Deutsche Telekom im Depot, aktueller Kurs 22 €. Put mit Strike 20 € gekauft (Prämie 0,80 €). Call mit Strike 24 € verkauft (Prämie 0,70 €). Nettokosten: 0,10 € je Aktie.
Kurs über 24 €: Aktie wird zu 24 € abgerufen. Maximaler Gewinn: 24 − 22 − 0,10 = 1,90 € je Aktie.
Kurs unter 20 €: Put schützt. Maximaler Verlust: 22 − 20 + 0,10 = 2,10 € je Aktie.
Fast kostenneutrale Absicherung für eine Bandbreite von 4 €.

5. Bull Call Spread

Was ist das?

Der Bull Call Spread ist eine kostengünstige Alternative zum bloßen Kauf einer Call-Option. Der Händler kauft einen Call mit niedrigerem Strike und verkauft gleichzeitig einen Call mit höherem Strike – beides auf denselben Basiswert mit gleichem Verfalldatum. Der Erlös des verkauften Calls reduziert die Gesamtkosten des Trades.

Wann sinnvoll?

  • Sie erwarten steigende Kurse, aber keinen explosiven Anstieg.
  • Sie möchten ein definiertes Risiko mit geringerem Kapitaleinsatz als beim direkten Call-Kauf.

Aufbau

  • Position 1: 1 Call-Option mit niedrigerem Strike kaufen (Long Call)
  • Position 2: 1 Call-Option mit höherem Strike verkaufen (Short Call) – gleiches Verfalldatum

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Differenz der beiden Strikes minus Nettoprämie. Begrenzt.
  • Maximaler Verlust: Die gezahlte Nettoprämie (= Kosten des Long Calls minus Prämie des Short Calls). Begrenzt.
  • Break-even: Unterer Strike + Nettoprämie.
Beispiel:
SAP-Aktie, Kurs 195 €. Kauf Call Strike 195 € für 6,00 €. Verkauf Call Strike 210 € für 2,00 €. Nettoprämie: 4,00 €.
Maximaler Gewinn: (210 − 195) − 4 = 11 € pro Aktie (bei Kurs ≥ 210 € bei Verfall).
Maximaler Verlust: 4 € pro Aktie (die gezahlte Nettoprämie), wenn Kurs ≤ 195 € bei Verfall.
Break-even: 195 + 4 = 199 €.

6. Bear Put Spread

Was ist das?

Das bearishe Pendant zum Bull Call Spread: Der Bear Put Spread ist eine kostengünstige Strategie für Händler, die einen moderaten Kursrückgang erwarten. Ein Put mit höherem Strike wird gekauft, ein Put mit niedrigerem Strike verkauft – gleicher Basiswert, gleiches Verfallsdatum. Der verkaufte Put finanziert einen Teil des Long Puts.

Wann sinnvoll?

  • Sie erwarten fallende Kurse, aber keinen dramatischen Einbruch.
  • Sie möchten weniger ausgeben als für einen reinen Long Put.

Aufbau

  • Position 1: 1 Put-Option mit höherem Strike kaufen (Long Put)
  • Position 2: 1 Put-Option mit niedrigerem Strike verkaufen (Short Put) – gleiches Verfalldatum

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Differenz der beiden Strikes minus Nettoprämie.
  • Maximaler Verlust: Die gezahlte Nettoprämie.
  • Break-even: Oberer Strike − Nettoprämie.
Beispiel:
BASF-Aktie, Kurs 42 €. Kauf Put Strike 42 € für 2,50 €. Verkauf Put Strike 36 € für 0,80 €. Nettoprämie: 1,70 €.
Maximaler Gewinn: (42 − 36) − 1,70 = 4,30 € pro Aktie (bei Kurs ≤ 36 € bei Verfall).
Maximaler Verlust: 1,70 € pro Aktie (wenn Kurs ≥ 42 € bei Verfall).
Break-even: 42 − 1,70 = 40,30 €.

7. Long Strangle

Was ist das?

Wer nicht weiß, in welche Richtung sich ein Kurs bewegen wird, aber eine starke Bewegung erwartet, kann einen Long Strangle kaufen. Dabei werden ein Call und ein Put auf denselben Basiswert mit gleichem Verfall gekauft – der Call zu einem Strike über, der Put zu einem Strike unter dem aktuellen Kurs. Die Strategie profitiert von jeder starken Bewegung, egal in welche Richtung.

Wann sinnvoll?

  • Kurz vor einem bedeutenden Ereignis (Quartalsergebnis, Gerichtsurteil, EZB-Entscheidung), das eine große Kursbewegung auslösen könnte – aber die Richtung ist unklar.
  • Die implizite Volatilität ist aktuell noch niedrig (günstiger Kauf).

Aufbau

  • Position 1: 1 Call-Option kaufen (Strike über aktuellem Kurs – aus dem Geld)
  • Position 2: 1 Put-Option kaufen (Strike unter aktuellem Kurs – aus dem Geld)

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Theoretisch unbegrenzt (nach oben). Sehr groß (nach unten bis auf 0).
  • Maximaler Verlust: Beide gezahlten Prämien (Call + Put), wenn der Kurs sich kaum bewegt.
  • Break-even oben: Call-Strike + Gesamtprämie.
  • Break-even unten: Put-Strike − Gesamtprämie.
Beispiel:
Vonovia, Kurs 28 €, Quartalsergebnis morgen. Kauf Call Strike 30 € für 0,60 €. Kauf Put Strike 26 € für 0,55 €. Gesamtprämie: 1,15 €.
Break-even oben: 30 + 1,15 = 31,15 €. Break-even unten: 26 − 1,15 = 24,85 €.
Bewegt sich Vonovia nicht mehr als diese Spannen: Verlust von bis zu 1,15 € je Aktie.
Bricht die Aktie nach dem Ergebnis stark nach oben oder unten aus: Gewinn in der jeweiligen Richtung.

8. Short Strangle

Was ist das?

Das Gegenteil des Long Strangle: Hier werden ein Call und ein Put gleichzeitig verkauft – der Call über, der Put unter dem aktuellen Kurs. Der Stillhalter kassiert beide Prämien und profitiert davon, wenn der Kurs bis zum Verfall im Bereich zwischen den beiden Strikes bleibt. Es ist eine reine Stillhalter-Strategie für Seitwärtsmärkte.

Wann sinnvoll?

  • Der Markt ist ruhig und Sie erwarten keine starke Bewegung.
  • Die implizite Volatilität ist erhöht (teure Prämien, die Sie vereinnahmen).
  • Sie haben ausreichend Kapital und Risikoverständnis für eine unbegrenzte Verlustsituation.

Aufbau

  • Position 1: 1 Call-Option verkaufen (Strike über aktuellem Kurs – aus dem Geld)
  • Position 2: 1 Put-Option verkaufen (Strike unter aktuellem Kurs – aus dem Geld)

Gewinn / Verlust

  • Maximaler Gewinn: Beide Prämien (Call + Put) – wenn Kurs zwischen den Strikes bei Verfall.
  • Maximaler Verlust: Theoretisch unbegrenzt (nach oben) und sehr groß (nach unten). Deshalb erfordert diese Strategie strenge Verlustgrenzen.
Beispiel:
Münchener Rück, Kurs 410 €. Verkauf Call Strike 440 € für 3,50 €. Verkauf Put Strike 380 € für 3,00 €. Gesamtprämie: 6,50 €.
Maximaler Gewinn: 6,50 € je Aktie (Kurs bleibt zwischen 380 € und 440 € bis Verfall).
Break-even oben: 440 + 6,50 = 446,50 €. Break-even unten: 380 − 6,50 = 373,50 €.
Wichtig: Position muss aktiv überwacht werden – bei Annäherung an einen Strike sofort reagieren.
Hinweis zum Risiko: Der Short Strangle ist die Strategie mit dem höchsten Risikoprofil in diesem Kapitel. Das theoretisch unbegrenzte Verlustpotenzial nach oben erfordert einen klaren Stop-Loss-Plan. Viele Händler setzen eine feste Regel: Wird der Optionspreis doppelt so hoch wie die eingenommene Prämie, wird die Position geschlossen. Diese Disziplin schützt das Konto vor dem Schlimmsten.

Alle Strategien auf einen Blick

StrategieMarkterwartungMax. GewinnMax. VerlustKapital
Covered CallSeitwärts / leicht bullischBegrenzt (Strike)Kursrisiko AktieHoch (Aktienbesitz)
Cash-Secured PutStabil / leicht bullischPrämieStrike − PrämieMittel (Cash)
Protective PutBullisch, mit AbsicherungUnbegrenztBegrenzt (Put)Hoch (Aktie + Prämie)
Protective CollarNeutral mit SchutzBegrenzt (Call-Strike)Begrenzt (Put-Strike)Hoch (Aktie)
Bull Call SpreadModerat bullischBegrenztNettoprämieNiedrig
Bear Put SpreadModerat bärischBegrenztNettoprämieNiedrig
Long StrangleStarke Bewegung (egal wohin)UnbegrenztBeide PrämienNiedrig–Mittel
Short StrangleSeitwärts, ruhiger MarktBeide PrämienTheoretisch unbegrenztHoch (Margin)

Keine dieser Strategien ist universell „die beste“. Jede hat ihren Platz – abhängig von Markttrend, Volatilität, Kapital und persönlicher Risikobereitschaft. Der Schlüssel ist, die richtige Strategie für das jeweilige Marktumfeld zu wählen, statt immer dieselbe Strategie anzuwenden.


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