Der Covered Call – Einnahmen aus dem Depot

Wir haben in dieser Reihe den Covered Call (*) als Strategie eingeführt: Wer Aktien besitzt, verkauft darauf Call-Optionen und vereinnahmt die Prämie. Dieses Artikel geht tiefer in die Praxis: Wie wählt man den richtigen Strike? Was tut man, wenn die Aktie an den Strike heranläuft? Wie berechnet man die tatsächliche Rendite? Und wie lässt sich der Covered Call (*) mit dem Cash-Secured Put zu einer dauerhaften Einkommensstrategie verbinden?

Kurze Wiederholung: Das Grundprinzip

Beim Covered Call (*) hält man 100 Aktien im Depot und verkauft darauf eine Call-Option. Der Käufer dieser Option erhält das Recht, die Aktien zum vereinbarten Strike-Preis von uns zu kaufen. Als Gegenleistung vereinnahmt man sofort die Optionsprämie – unabhängig davon, was danach passiert.

„Covered“ bedeutet gedeckt: Die Pflicht zur Aktienlieferung, die mit dem Optionsverkauf einhergeht, ist durch den vorhandenen Aktienbesitz abgesichert. Man riskiert damit kein zusätzliches Kapital über die Aktie hinaus.

Die Strategie gehört zum Stillhalter-Prinzip: Man übernimmt eine Pflicht und wird dafür bezahlt. Das Geld kommt sofort und bleibt, egal ob die Option ausgeübt wird oder nicht.

Gewinn, Verlust und Break-even – korrekt berechnet

Die drei entscheidenden Kennzahlen einer Covered-Call-Position beziehen sich immer auf den Einstandspreis der Aktie, nicht auf ihren aktuellen Kurs:

  • Maximaler Gewinn: (Strike − Einstandspreis der Aktie) + erhaltene Prämie. Dieser Wert ist begrenzt – sobald die Aktie über den Strike steigt und abgerufen wird, ist er ausgeschöpft.
  • Maximaler Verlust: Einstandspreis der Aktie − erhaltene Prämie. Fällt die Aktie auf null, bleibt der Verlust durch die Prämie etwas gemindert – aber das Aktienrisiko besteht vollständig.
  • Break-even: Einstandspreis der Aktie − erhaltene Prämie. Erst wenn die Aktie unter diesen Wert fällt, entsteht ein realer Verlust.
Beispiel: Allianz im Depot, Einstandspreis 240 €. Verkauf eines Calls mit Strike 255 €, Laufzeit 35 Tage, Prämie 3,20 €. Kapitalbindung: 240 € × 100 = 24.000 €. Maximaler Gewinn: (255 − 240) + 3,20 = 18,20 € × 100 = 1.820 € (wenn Allianz ≥ 255 € bei Verfall). Break-even: 240 − 3,20 = 236,80 €. Erhaltene Prämie: 320 € → das ist der Mindestertrag, unabhängig vom Kursverlauf. Annualisierte Prämienrendite: (3,20 ÷ 240) × (365 ÷ 35) ≈ 13,9 % p.a. – allein durch die Prämien, ohne Kursgewinne.

Rendite berechnen: Statische Rendite und Rendite bei Ausübung

Beim Covered Call gibt es zwei relevante Renditegrößen, die vor dem Trade berechnet werden sollten:

Statische Rendite (Static Return)

Die statische Rendite zeigt den Ertrag aus der Prämie allein – also unter der Annahme, dass die Aktie sich bis zum Verfall kaum bewegt und die Option wertlos verfällt. Die annualisierte Berechnung:

Statische Rendite (p.a.) = (Prämie ÷ Einstandspreis) × (365 ÷ Restlaufzeit in Tagen) Beispiel: (3,20 ÷ 240) × (365 ÷ 35) = 1,33 % × 10,43 = 13,9 % p.a.

Rendite bei Ausübung (Return if Called)

Diese Kennzahl zeigt den Gesamtertrag, wenn die Aktie bis zum Verfall über den Strike steigt und abgerufen wird. Sie enthält sowohl die Prämie als auch den Kursgewinn zwischen Einstandspreis und Strike:

Rendite bei Ausübung (p.a.) = ((Prämie + Strike − Einstandspreis) ÷ Einstandspreis) × (365 ÷ Tage) Beispiel: ((3,20 + 255 − 240) ÷ 240) × (365 ÷ 35) = 7,58 % × 10,43 = 79,1 % p.a.

Beide Renditekennzahlen sollten vor dem Trade berechnet werden. Die statische Rendite zeigt, was man mindestens verdient. Die Rendite bei Ausübung zeigt das Gesamtbild für den besten Fall.

Den richtigen Strike wählen

Wie beim Long Call ist die Strike-Wahl entscheidend – aber beim Covered Call dreht sich die Frage um: Wie viel Kursgewinn bin ich bereit, dem Käufer zu überlassen?

StrikeDeltaPrämieChance auf Verfall OTMNachteil
Leicht OTM (~5 % über Kurs)0,25–0,35ModeratHoch (~70 %)Weniger Prämie, Aktie bleibt oft im Depot
Am Geld (ATM)0,45–0,55HochMittel (~50 %)Höheres Risiko der Ausübung
Tief im Geld (ITM)0,65–0,80Sehr hochNiedrig (~25 %)Aktie wird fast sicher abgerufen, wenig Kursgewinn

Die praktische Empfehlung für den Einstieg: Einen Strike ca. 5–10 % über dem aktuellen Kurs wählen (Delta ca. 0,25–0,35). Das gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, die Prämie vollständig zu behalten – und gleichzeitig noch einen moderaten Kursgewinn bis zum Strike zu ermöglichen.

Die Strike-Wahl hängt aber auch von der persönlichen Erwartung ab: Wer die Aktie langfristig halten möchte und nicht bereit ist, sie zu verkaufen, sollte den Strike höher wählen. Wer die Aktie zu einem bestimmten Preis ohnehin verkaufen möchte, kann den Strike nah am Kursziel setzen und kassiert dafür höhere Prämien.

Die optimale Laufzeit: 30–45 Tage

Wie schon erklärt, beschleunigt sich der Zeitwertverfall (Theta) in den letzten 30 Tagen vor dem Verfall erheblich. Das ist der Zeitraum, in dem der Stillhalter am meisten von Theta profitiert. Deshalb bevorzugen die meisten Covered-Call-Händler Laufzeiten von 30 bis 45 Tagen: Genug Zeit, um eine vernünftige Prämie zu erhalten, aber kurz genug, um die Beschleunigung des Zeitwertverfalls maximal zu nutzen.

Nach dem Verfall wird der Vorgang einfach wiederholt: Neuer Covered Call, neue Prämie, neuer Zyklus. Bei 12 Zyklen pro Jahr entstehen so wiederkehrende monatliche Einnahmen aus demselben Aktienbestand – ähnlich wie eine selbst produzierte Dividende.

Die drei Szenarien einer Covered-Call-Position

1. Die Aktie fällt

Der verkaufte Call verfällt wertlos – die Prämie bleibt vollständig. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Der Aktienkurs ist gefallen, und man trägt diesen Kursverlust voll. Die Prämie mindert den Verlust, hebt ihn aber nicht auf. Wer in dieser Situation ist, kann überlegen, die Aktie zu behalten und sofort einen neuen Covered Call mit niedrigerem Strike zu verkaufen – um die Position schrittweise zu verbessern.

2. Die Aktie bewegt sich kaum oder steigt leicht unter den Strike

Das ist das ideale Szenario für den Covered-Call-Verkäufer. Die Option verfällt wertlos, man behält die volle Prämie und besitzt die Aktie weiterhin. Sofort kann man den nächsten Covered Call für den Folgemonat verkaufen. Der Zeitwertverfall hat vollständig für einen gearbeitet.

3. Die Aktie steigt über den Strike

Die Aktie wird zum Strike-Preis abgerufen. Man liefert die 100 Aktien und erhält dafür den Strike-Preis plus die bereits vereinnahmte Prämie. Das ist wirtschaftlich ein gutes Ergebnis – man erzielt den maximalen Gewinn. Der psychologische Stachel: Wenn die Aktie weit über den Strike gestiegen ist, bleibt das Gefühl, einen Teil des Kursgewinns „verschenkt“ zu haben. Das ist der Preis des Covered Call – man tauscht unbegrenztes Gewinnpotenzial gegen sofortigen, sicheren Prämienertrag.

Nach einem Abruf beginnt der Zyklus neu: Man kauft die Aktie wieder (oder lässt den Kapitalzufluss stehen) und startet gegebenenfalls eine neue Covered-Call-Serie.

Rollen: Was tun, wenn der Strike bedroht wird?

Eine der wichtigsten Techniken für den geübten Covered-Call-Händler ist das Rollen (englisch: rolling). Wenn die Aktie stark steigt und der Strike in greifbare Nähe rückt, kann man die Position anpassen, anstatt einfach auf den Verfall zu warten.

Rollen bedeutet: Die bestehende Option wird zurückgekauft (Glattstellung), und gleichzeitig wird eine neue Option mit anderem Strike, anderer Laufzeit oder beidem verkauft. Die häufigsten Varianten:

  • Roll nach oben (Roll-up): Den bestehenden Call zurückkaufen und einen neuen Call mit höherem Strike und gleicher Laufzeit verkaufen. Gibt mehr Raum nach oben, kostet aber Nettoprämie.
  • Roll nach vorne (Roll-out): Den bestehenden Call zurückkaufen und einen neuen Call mit gleicnem Strike, aber längerer Laufzeit verkaufen. Gewinnt Zeit, ohne die Strike-Ebene zu ändern.
  • Roll nach oben und vorne (Roll-up-and-out): Kombination beider Varianten: höherer Strike und längere Laufzeit. Die häufigste Variante in der Praxis, wenn man eine stark gestiegene Aktie weiter halten möchte.
Rollen – Beispiel: Allianz steigt auf 252 €, der verkaufte Call mit Strike 255 € kostet jetzt noch 4,80 € (man hat ihn für 3,20 € verkauft, macht 1,60 € Verlust beim Rückkauf). Man rollt: Kauf des bestehenden 255er Calls für 4,80 €. Verkauf eines neuen 265er Calls mit 30 Tagen Laufzeit für 3,50 €. Nettokosten des Rollens: 4,80 − 3,50 = 1,30 € je Aktie. Dafür: 10 € mehr Spielraum nach oben. Fazit: Für 1,30 € erkauft man sich den Vorteil, 10 € mehr Kursgewinn mitnehmen zu können.

Rollen ist kein Muss – manchmal ist es sinnvoller, die Ausübung zu akzeptieren, die Aktie zu verkaufen und den Zyklus mit neuem Kapital zu beginnen. Ob Rollen oder Ausübung akzeptieren besser ist, hängt von der Einschätzung der weiteren Kursentwicklung und dem eigenen Renditeziel ab.

Teildeckung: Flexibler Einsatz bei größeren Positionen

Wer mehr als 100 Aktien hält, muss nicht alle mit Covered Calls versehen. Ein Depot mit 1.000 Allianz-Aktien könnte beispielsweise nur 5 der 10 möglichen Kontrakte verkaufen. Die restlichen 500 Aktien partizipieren ohne Begrenzung am möglichen Kursanstieg.

Diese Teildeckung kombiniert das Beste aus beiden Welten: regelmäßige Prämieneinnahmen und gleichzeitig ungehindertes Aufwärtspotenzial für den nicht bedeckten Anteil. Je nach Markterwartung kann man den Deckungsgrad auch dynamisch anpassen – mehr Kontrakte in Seitwärtsphasen, weniger oder keine in klaren Aufwärtstrends.

Die Wheel-Strategie: Covered Call und Cash-Secured Put im Kreislauf

Der Covered Call lässt sich mit dem Cash-Secured Put zu einer geschlossenen Einkommensstrategie verbinden – der sogenannten Wheel-Strategie (Rad-Strategie):

  • Phase 1 – Cash-Secured Put: Solange man die Aktie nicht hält, werden Cash-Secured Puts auf eine gewünschte Aktie verkauft. Man kassiert Prämien und wartet darauf, die Aktie zu einem günstigeren Kurs zu erwerben.
  • Phase 2 – Covered Call: Wird der Put ausgeübt (man kauft die Aktie), beginnt sofort der Covered-Call-Zyklus. Monat für Monat werden Calls verkauft, bis die Aktie schließlich abgerufen wird.
  • Wiedereinstieg: Sobald die Aktie abgerufen ist, beginnt der Zyklus von vorne mit einem neuen Cash-Secured Put.

Das Ergebnis ist ein dauerhafter Kreislauf aus Prämieneinnahmen – unabhängig davon, ob man die Aktie gerade hält oder nicht. Die Wheel-Strategie ist besonders attraktiv für Langfristanleger, die ohnehin bereit wären, die Aktie dauerhaft zu halten oder wiederholt zu kaufen.

Steuerliche Aspekte: Erhaltene Optionsprämien aus Covered Calls unterliegen in Deutschland der Abgeltungsteuer (25 % plus Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer), sofern sie auf einem inländischen Broker (*)-Konto abgewickelt werden. Die Steuer wird meist automatisch abgeführt. Besonderes Augenmerk verdienen zwei Konstellationen: Erstens: Wird die Aktie durch Ausübung des Calls abgerufen, realisiert man einen Veräußerungsgewinn (Kurs − Einstandspreis), der ebenfalls versteuert wird. Der gesamte Ertrag (Prämie + Kursgewinn) wird also steuerlich erfasst. Zweitens: Das Rollen einer Option (Rückkauf + Neuverkauf) ist steuerlich als zwei separate Transaktionen zu bewerten. Gewinne aus dem Neuverkauf werden sofort besteuert; Verluste aus dem Rückkauf können gegengerechnet werden. Für US-Optionen über ausländische Broker (*) (z. B. Interactive Brokers) erfolgt in der Regel kein automatischer Steuereinbehalt – die Gewinne müssen dann in der jährlichen Steuererklärung angegeben werden. Im Zweifelsfall empfiehlt sich die Beratung durch einen auf Kapitalanlagen spezialisierten Steuerberater.

Dividenden-Timing: Ein oft unterschätztes Detail

Bei Aktienoptionen amerikanischer Art (und alle Eurex-Aktienoptionen sind amerikanischer Art) kann der Käufer die Option jederzeit vor dem Verfall ausüben. Bei dividendenstarken Aktien besteht das Risiko einer vorzeitigen Ausübung kurz vor dem Ex-Dividende-Tag – der Käufer will die Dividende kassieren.

Was das für den Covered-Call-Verkäufer bedeutet: Wird die Option am Tag vor dem Ex-Dividende-Tag ausgeübt, liefert man die Aktie und verliert den Dividendenanspruch. Die erhaltene Prämie kann diesen Verlust kompensieren – oder auch nicht, je nach Höhe der Dividende.

Praktische Regel: Prüfen Sie vor jedem Covered Call, ob der nächste Ex-Dividende-Termin in den Laufzeitraum der Option fällt. Besonders bei Aktien mit hohen Dividenden (BASF, Allianz, Deutsche Telekom) ist dieser Check wichtig.

Checkliste: Vor dem Verkauf eines Covered Calls

  • Aktienqualität: Ist die Aktie langfristig haltenswert, auch wenn der Kurs fällt?
  • Strike: Liegt der Strike 5–10 % über dem aktuellen Kurs (Delta ~0,25–0,35)?
  • Laufzeit: 30–45 Tage Restlaufzeit?
  • Rendite: Statische Rendite und Rendite bei Ausübung berechnet und akzeptabel?
  • Dividendentermin: Kein Ex-Dividende-Tag in der Laufzeit, der vorzeitige Ausübung reizvoll macht?
  • Rollenplan: Entschieden, ab welchem Kurs man rollt oder die Ausübung akzeptiert?
  • Steuer: Ist die steuerliche Behandlung (automatischer Abzug vs. Eigenerklärung) bekannt?

Der Covered Call ist eine der risikoärmsten Optionsstrategien – weil man die Aktie bereits besitzt. Trotzdem: Das Aktienrisiko bleibt bestehen. Wer in eine Aktie investiert ist, die fundamental schwächelt, erhält zwar Prämien, aber das eigentliche Problem – eine schlechte Aktie – löst die Strategie nicht.


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