Am Dienstag, 13. Oktober, legt Wells Fargo (WFC) vor Börsenstart die Zahlen fürs dritte Quartal vor. Die Aktie steht bei rund 80 bis 82 US-Dollar. Das sind etwa 13 % weniger als zum Jahresstart und deutlich unter dem Hoch von 97,76 US-Dollar. Ich schaue mir für dich an, ob das ein Warnsignal ist oder eher eine Gelegenheit.
Warum die Aktie fällt
Das Geschäft läuft gut. Der Rückgang hat vor allem drei andere Gründe.
Erstens die Zinsen. Die US-Notenbank hat Mitte September die Leitzinsen zum ersten Mal seit 2023 erhöht und weitere Schritte angedeutet. Steigende Zinsen senken den Wert der Anleihen, die Banken in ihren Büchern halten. Außerdem setzen sie die Bewertung von Bankaktien insgesamt unter Druck.
Zweitens die Zinsmarge. Diese Kennzahl zeigt, wie viel die Bank zwischen Kreditzinsen und Einlagenzinsen verdient. Sie ist binnen eines Jahres von 2,68 % auf 2,43 % gefallen. Das ist allerdings eine bewusste Entscheidung: Wells Fargo wächst stark im Handelsgeschäft und bei verzinsten Firmeneinlagen. Das bringt pro Dollar weniger Marge, aber insgesamt mehr Ertrag. Der Zinsertrag ist um 5 % gestiegen.
Drittens die neue Prüfung durch das US-Wohnungsministerium (HUD). Es untersucht, ob die jahrelangen Programme der Bank zur Förderung von Wohneigentum für Schwarze Familien gegen das Fair-Housing-Gesetz verstoßen. Das ist politisch brisant, aber bisher gibt es weder eine Strafe noch eine Klage.
Was die Zahlen zeigen
Das zweite Quartal war stark. Der Umsatz stieg um 9 % auf 22,6 Milliarden US-Dollar, der Gewinn um 17 % auf 6,4 Milliarden US-Dollar. Der Gewinn je Aktie lag bei 2,00 US-Dollar. Bereinigt um Beteiligungsgewinne und Steuereffekte waren es 1,96 US-Dollar, immer noch klar über den Erwartungen.
Ein paar Kennzahlen, kurz erklärt:
- Effizienzquote 60 %: Von jedem Dollar Ertrag gehen 60 Cent für Kosten drauf. Vor einem Jahr waren es 64 Cent. Hier ist niedriger besser.
- Kreditausfälle 0,34 %: Nur ein winziger Teil der Kredite fällt aus. Das ist ein sehr gutes Zeichen.
- Eigenkapitalrendite 15 %, auf das „harte“ Eigenkapital ohne Firmenwerte sogar 17,7 %. Das liegt fast am Ziel des Managements.
- Kernkapitalquote 10,3 %: Dieser Puffer ist zwar gesunken, liegt aber bewusst im Zielkorridor und klar über der Pflicht von rund 8,5 %. Die Bank gibt überschüssiges Kapital lieber an die Aktionäre zurück.
Für das dritte Quartal erwarten Analysten rund 1,82 bis 1,85 US-Dollar Gewinn je Aktie. Das sind gut 11 % mehr als im Vorjahr. Dass dieser Wert unter Q2 liegt, liegt an den Einmaleffekten im Vorquartal, nicht an einer Schwäche.
Dividende und Rückkäufe
Die Quartalsdividende steigt auf 0,50 US-Dollar. Hochgerechnet sind das 2,00 US-Dollar im Jahr, also etwa 2,5 % Rendite (*). Ausgeschüttet wird nur rund ein Viertel des Gewinns, die Dividende ist also gut abgesichert. Im ersten Halbjahr hat Wells Fargo zusätzlich für 7 Milliarden US-Dollar eigene Aktien zurückgekauft. Die Zahl der Aktien ist innerhalb eines Jahres um 6 % gesunken. Dadurch entfällt auf jede verbleibende Aktie mehr Gewinn.
Bewertung
Beim aktuellen Kurs zahlst du etwa das 11,5-Fache des Gewinns der letzten zwölf Monate und knapp das 1,5-Fache des Buchwerts. Für eine Großbank mit dieser Rendite (*) ist das fair bis günstig, aber kein Schnäppchen. Analysten sehen die Aktie mehrheitlich als „Moderate Buy“ und haben Kursziele um 95 bis 100 US-Dollar.
Rückenwind gibt es auch von anderer Seite. Seit März 2026 ist Wells Fargo erstmals seit über 15 Jahren frei von offenen Auflagen der Aufseher. S&P hat die Bonität zuletzt auf A- angehoben.
Worauf du am 13. Oktober achten solltest
- Zinsertrag: Wächst er im zweiten Halbjahr wie versprochen? Und was sagt das Management zur Wirkung der Zinserhöhung?
- Zinsmarge: Fällt sie nur leicht, wie angekündigt, mit Aussicht auf Stabilisierung im vierten Quartal?
- Kreditausfälle: Bleiben sie niedrig?
- HUD-Prüfung: Äußert sich die Bank dazu?
Meine Einschätzung
Halten bis vorsichtig kaufen. Wenn du die Aktie schon hast, gibt es keinen Grund zum Panikverkauf. Wenn du einsteigen willst, kauf besser in Tranchen statt alles vor den Zahlen.
| Kursbereich | Was du tun kannst |
|---|---|
| 76–79 $ | Attraktive Zone zum Nachkaufen |
| 80–84 $ | Aktuelle Zone, nur in Teilen kaufen |
| über 87–88 $ | Nachkaufen, wenn die Zahlen und der Ausblick überzeugen |
| 95–98 $ | Teilgewinne mitnehmen, nahe am Jahreshoch |
| unter ca. 75 $ | Stop für spekulative Positionen, die kurzfristige These wäre dann gestört |
Wenn du mit Optionen handelst: Vor Quartalszahlen sind Optionen meist teuer. Statt Calls zu kaufen, kannst du einen abgesicherten Put mit Basispreis 78 bis 80 US-Dollar verkaufen (Cash-Secured Put). Das ist aber nur sinnvoll, wenn du die Aktie zu diesem Preis ohnehin kaufen würdest. Fortgeschrittene können einen Put-Spread 80/75 verkaufen. Er bringt Gewinn, solange die Aktie über 80 US-Dollar bleibt, und der Verlust ist auf 5 US-Dollar je Aktie minus der erhaltenen Prämie begrenzt. Von gekauften Calls direkt vor den Zahlen rate ich ab. Nach der Veröffentlichung verlieren Optionen oft schneller an Wert, als der Kurs steigt.
Fazit: Wells Fargo ist operativ so gut aufgestellt wie seit Jahren nicht. Die Bank hat steigende Renditen, sinkende Kosten, starke Kreditqualität, steigende Dividenden und keine regulatorischen Altlasten mehr. Kurzfristig bestimmen aber Zinsen, Marge und die HUD-Prüfung den Kurs. Eine Erholung ist wahrscheinlich, sie dürfte aber eher schrittweise als sprunghaft kommen.
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