Warum die Börsenregel 2026 nicht greift.
Iran-Konflikt, KI-Boom und eine Straße von Hormus, die die Weltwirtschaft in Atem hält – die alte Weisheit trifft auf eine neue Realität.
Jedes Jahr im Frühling taucht sie zuverlässig wieder auf: die alte Börsenweisheit „Sell in May and go away“. Sie rät Anlegern, im Mai ihre Aktien zu verkaufen, den Sommer über in sichere Anlagen wie Bargeld oder Anleihen zu wechseln und erst im Herbst wieder einzusteigen. Doch woher kommt diese Regel eigentlich – und taugt sie noch etwas?
Der Ursprung: Englischer Adel und Pferderennen
Die Weisheit stammt aus dem Londoner Finanzviertel des 18. Jahrhunderts. Vollständig lautete sie damals: „Sell in May and go away, come back on St. Leger’s Day.“ Der St. Leger’s Day bezeichnete den Abschluss der traditionsreichen englischen Pferderennsaison im September – genauer: das St. Leger Stakes in Doncaster, das seit 1776 ausgetragen wird und als eines der ältesten Klassiker-Rennen gilt.
Der Hintergrund war schlicht praktischer Natur: Der englische Adel und die wohlhabenden Bankiers verließen London für die Sommermonate, verbrachten die Zeit auf Landsitzen und bei Pferderennen. Vorher veräußerten sie ihre Wertpapiere – was tatsächlich die Handelsvolumina drückte und gelegentlich Kurse fallen ließ. Im Herbst kehrten sie zurück, kauften wieder ein, und die Kurse zogen an.
In den USA bürgerte sich später eine ähnliche Variante ein: Manche Anleger meiden Investments zwischen dem Memorial Day im Mai und dem Labor Day im September. Eine modernere Version – der sogenannte „Halloween-Effekt“ – verschiebt den Wiedereinstieg sogar auf den 31. Oktober: Man steige aus im Mai und erst nach Halloween wieder ein.
„Das saisonale Börsenmuster hat seinen Ursprung in einer Zeit, in der Märkte von einigen wenigen wohlhabenden Akteuren dominiert wurden. Diese Welt existiert nicht mehr.“— Sinngemäß nach historischer Marktforschung
Was sagt die Historie wirklich?
Die Regel hat einen wahren Kern: Weltweit – besonders ausgeprägt in Europa – waren die Sommermonate in vielen Jahrzehnten tatsächlich schwächer. Wissenschaftlich untermauert wurde der Effekt 2002 von den Ökonomen Sven Bouman und Ben Jacobsen im American Economic Review: Sie fanden das Muster in 36 von 37 untersuchten Ländern für den Zeitraum 1970 bis 1998. Doch ein Gesetz ist es nicht:
Was die Statistik wirklich zeigt
- Nur der September zeigt im langjährigen Durchschnitt zuverlässig negative Renditen – beim DAX etwa −1,82 % im Schnitt.
- Alle anderen „schwachen“ Monate liefern im Mittel trotzdem positive Ergebnisse, wenn auch geringere als im Winterhalbjahr.
- Für den S&P 500 liegt die durchschnittliche Rendite von Mai bis Oktober bei rund +2,1 % – schwächer als das Winterhalbjahr, aber keineswegs negativ.
- In den vergangenen 7 Jahren traf die Mai-Regel nur 2-mal zu. In 5 Perioden verpassten Verkäufer teils erhebliche Gewinne – so etwa im Corona-Sommer 2020, in 2024 und 2025.
Die Deutsche Bank hat die Weisheit zuletzt erneut analysiert. Ihr Fazit: „Sell in May“ biete keinen statistisch verlässlichen Vorteil – und nicht mehr Sicherheit als ein Münzwurf. Langfristig schlägt eine simple Buy-and-Hold-Strategie die saisonale Rotation deutlich: Einer Analyse zufolge hätte ein Buy-and-Hold-Portfolio bis Anfang 2025 eine Gesamtrendite von rund 2.047 % erzielt, das Sell-in-May-Portfolio dagegen nur 1.298 % – ein Unterschied von fast 750 Prozentpunkten.
Hinzu kommen praktische Nachteile des saisonalen Timings: Transaktionskosten beim halbjährlichen Umschichten, mögliche Steuerlasten auf realisierte Gewinne und nicht zuletzt das Risiko, genau in eine starke Sommerrally zu verkaufen.
Der aktuelle Ausblick: Mai 2026 und der Sommer
Das makroökonomische Umfeld im Mai 2026 wird von einem dominanten Ereignis geprägt: dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar 2026 und der daraus folgenden Blockade der Straße von Hormus – einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt, durch die ein erheblicher Teil des globalen Ölhandels fließt. Die Folge: stark gestiegene Energiepreise und erhöhte geopolitische Unsicherheit.
| +25 % | +36 % | 3,1 % | 0,5 % |
|---|---|---|---|
| S&P 500 · 12 Monate | NASDAQ · 12 Monate | IWF BIP-Prognose 2026 | BIP-Wachstum DE 2026 |
Der IWF hat seine globale Wachstumsprognose für 2026 von ursprünglich 3,3 % auf nun 3,1 % gesenkt. Ohne den Iran-Krieg hätte die Prognose sogar auf 3,4 % angehoben werden können. In einem Risikoszenario mit einem Ölpreisanstieg von 80 % wäre das Wachstum auf nur 2,5 % gefallen – in einem Extremszenario sogar auf 1,8 %, was einer globalen Rezession nahekäme.
Dennoch: Die Märkte befinden sich nicht im Crash-Modus. Sie zeigen relative Stabilität – wenngleich mit erhöhter Volatilität.
USA: Energieunabhängigkeit als Schutzschild
Amerikanische Börsen kommen bislang am besten durch die Lage. Der S&P 500 legte in den vergangenen 12 Monaten 25 % zu, die Technologiebörse NASDAQ sogar 36 %. Dafür gibt es strukturelle Gründe: Die USA sind durch ihre eigene Öl- und Gasproduktion (Stichwort Schieferöl/Fracking) weitgehend energieunabhängig und damit weit weniger anfällig für Preisschocks am Persischen Golf als Europa oder Asien. Hinzu kommt der anhaltende KI-Boom: Unternehmen wie NVIDIA, Apple, Broadcom und Alphabet treiben Produktivitätssteigerungen und Unternehmensgewinne. Die KI-Fantasie hat nach starken Q1-2026-Ergebnissen erneut Fahrt aufgenommen.
Europa: Unter Druck, aber mit Lichtblicken
Die höheren Energiepreise treffen Europa spürbar. Deutschland, das stark auf Industrie und Energie-Importe angewiesen ist, erwartet laut Bundesregierung nur noch 0,5 % Wirtschaftswachstum 2026 statt der ursprünglich prognostizierten 1 %. Besonders leiden konjunkturabhängige Branchen: Chemieindustrie, Maschinenbau und Automobilsektor warten weiter auf Besserung.
Es gibt jedoch Lichtblicke: Siemens punktet mit seiner führenden Rolle bei der industriellen Digitalisierung, Siemens Energy setzt die Aufholjagd an der Börse dank prall gefüllter Auftragsbücher in der Energiewende fort. Auch der europäische Bankensektor zeigt sich gut aufgestellt. Bei einer schnellen Deeskalation im Nahost-Konflikt ist eine Erholungsrally in europäischen Titeln denkbar.
Asien und Schwellenländer: Aufholpotenzial vorhanden
Asien leidet ebenfalls unter höheren Energiekosten – profitiert aber indirekt vom KI-Boom. Samsung und TSMC als zentrale Halbleiterproduzenten sind gefragte Zulieferer des Tech-Sektors. Bei Entspannung in der Golfregion wäre eine starke Erholungsrally insbesondere in asiatischen Märkten möglich.
Indien sticht als Wachstumsmotor hervor: Der IWF erwartet 2026 ein BIP-Wachstum von 6,5 % – gestützt durch Zollentlastungen und Schwung aus dem Vorjahr. Lateinamerika profitiert von Rohstoffnachfrage und neuen Handelspartnerschaften. Insgesamt sieht der IWF die Schwellen- und Entwicklungsländer Asiens weiterhin als die am schnellsten wachsende Region, wenngleich das Tempo von 5,5 % (2025) auf 4,9 % (2026) zurückgeht.
Das Franklin Templeton Institute – einer der weltweit größten Vermögensverwalter – hält einen Ausstieg aus dem Markt zum aktuellen Zeitpunkt für verfrüht. Trotz geopolitischer Spannungen sieht das Institut weiterhin Potenzial für steigende Kurse.— Franklin Templeton Institute, Mai 2026
Wie es weitergeht, hängt stark von vier Faktoren ab: der Dauer und Intensität des Iran-Konflikts, der Entwicklung der Energiepreise, dem Inflationsverlauf und den Reaktionen der Zentralbanken. Fed und EZB beobachten die Lage derzeit und sehen noch keinen unmittelbaren Zugzwang – kurzfristige Inflationserwartungen sind zwar gestiegen, die längerfristigen blieben bisher stabil.
Was sollten normale Anleger jetzt tun?
Der Rat ist so klar wie unbequem: Investiert bleiben, statt zu timen. Sparpläne auf breite ETFs oder Fonds durchhalten – auch bei Schwankungen. Das klingt einfach, erfordert aber echtes Durchhaltevermögen. Langfristig zahlt es sich aus, denn wer an entscheidenden Aufwärtstagen nicht investiert ist, verpasst einen Großteil der langfristigen Rendite.
Empfohlene Anlagevehikel (keine Kaufempfehlung)
- Breite Welt-ETFs – z. B. auf MSCI World oder MSCI All Country World Index (ACWI): günstig, breit gestreut, bewährt.
- Regional- oder Sektor-ETFs – z. B. auf Technologie, europäische Momentum-Aktien, Asien oder Lateinamerika für gezielte Beimischungen.
- Aktiv gemanagte Fonds mit Fokus auf Technologie oder Dividenden, sofern Kosten und Track Record stimmen.
Wer jetzt nervös wird, sollte weniger über Verkaufen nachdenken als vielmehr die eigene Strategie prüfen: Stimmt die Risikobereitschaft noch? Ist das Portfolio wirklich breit diversifiziert? Diese Fragen sind produktiver als die Suche nach dem richtigen Aus- und Einstiegszeitpunkt.
Fazit: 2026 spricht gegen „Sell in May“
Das Jahr 2026 illustriert einmal mehr, warum saisonale Timing-Regeln in der heutigen Welt so wenig taugen: Die Märkte werden von Technologiesprüngen, Geopolitik und Zentralbankentscheidungen bewegt – nicht vom Kalender. US-Aktien haben trotz eines ereignisreichen ersten Halbjahrs kräftig zugelegt. Europa und Asien haben bei Entspannung Aufholpotenzial.
Für die überwiegende Mehrheit der Privatanleger gilt: Diversifiziert bleiben, regelmäßig sparen, langfristig denken. Die Geschichte zeigt – von 1970 bis heute –, dass Buy-and-Hold saisonale Timing-Strategien auf lange Sicht deutlich outperformt. Wer drin bleibt, verpasst seltener die guten Zeiten.



