Viele Anleger vertrauen darauf, dass Aktien sie vor steigenden Preisen schützen. Ein Blick auf die Mechanismen zeigt: Das stimmt nur unter bestimmten Bedingungen – und oft gar nicht.
Die Idee klingt logisch: Wenn alles teurer wird, verdienen Unternehmen mehr Geld – und ihre Aktien steigen. Leider greift diese Vereinfachung zu kurz. Aktien können in Inflationsphasen sogar erheblich an Wert verlieren. Um zu verstehen warum, muss man einen zentralen Mechanismus kennen: den Zusammenhang zwischen Inflation, Zinsen und Aktienbewertung.
Das Kernproblem: Inflation treibt die Zinsen – und Zinsen drücken Aktien
Wenn die Inflation steigt, reagieren Zentralbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) oder die US-amerikanische Fed typischerweise mit Zinserhöhungen. Ziel ist es, die Wirtschaft abzukühlen und die Preisdynamik zu bremsen. Für Aktienanleger hat das aber eine unangenehme Nebenwirkung.
Wie wird eine Aktie bewertet? Der Kurs einer Aktie spiegelt wider, was Anleger bereit sind, für die zukünftigen Gewinne eines Unternehmens zu zahlen. Diese Gewinne werden auf den heutigen Wert „abgezinst" – ähnlich wie bei einem Sparvertrag, nur umgekehrt. Steigen die Zinsen, wird ein Gewinn in fünf Jahren weniger wert – und der faire Aktienkurs heute sinkt.
Das trifft alle Aktien, aber manche stärker als andere. Entscheidend ist, wie weit in der Zukunft die erwarteten Gewinne liegen.
Warum Tech-Aktien besonders empfindlich reagieren: das Konzept der „Duration“
In der Finanzwelt bezeichnet der Begriff Duration ursprünglich eine Kennzahl für Anleihen: Er beschreibt, wie schnell man sein eingesetztes Kapital zurückbekommt. Auf Aktien übertragen bedeutet er: Wie weit in der Zukunft liegen die Gewinne, auf die ein Anleger wartet?
| Kurze Duration | Lange Duration |
|---|---|
| – Stabile, heutige Gewinne – Beispiele: Versorger, Konsumgüter, Versicherungen – Reagieren weniger empfindlich auf Zinsänderungen – Oft mit Preissetzungsmacht – können steigende Kosten weitergeben | – Gewinne liegen weit in der Zukunft – Beispiele: Tech-Plattformen, Biotech, KI-Unternehmen – Hohe Bewertungen auf Basis von Wachstumsfantasie – Reagieren besonders stark auf Zinssteigerungen |
| Rechenbeispiel zur Veranschaulichung |
|---|
| Ein Unternehmen erwartet in zehn Jahren einen Gewinn von 100 €. Bei einem Zinssatz von 2 % ist dieser Gewinn heute etwa 82 € wert. Bei einem Zinssatz von 6 % – wie nach starken Zinserhöhungen – sinkt der heutige Wert auf nur noch rund 56 €. Das entspricht einem Wertverlust von fast 30 % – obwohl sich am Unternehmen selbst nichts geändert hat. Genau deshalb brachen viele Tech-Aktien in den Jahren 2022/23 stark ein, als die Notenbanken die Zinsen rasch erhöhten. |
Ein Blick in die Geschichte: Die 1970er Jahre als warnendes Beispiel
Die 1970er Jahre gelten als das klassische Beispiel einer Stagflation: einer seltenen und besonders unangenehmen Kombination aus hoher Inflation und schwachem Wirtschaftswachstum. Ausgelöst wurde sie maßgeblich durch die Ölkrisen von 1973 und 1979, als die OPEC die Erdöllieferungen drosselte und die Preise explodierten.
Das Ergebnis für Aktienanleger war ernüchternd: Real – also nach Abzug der Inflation – verloren viele Aktiendepots erheblich an Kaufkraft. Stattdessen profitierten Rohstoffe und Energie. Anleger, die auf Aktien als sicheren Hafen gesetzt hatten, wurden enttäuscht.
Wichtige Einschränkung: Die heutige Situation ist nicht identisch mit den 1970ern. Damals gab es zusätzlich Angebotsschocks, staatliche Preiskontrollen und eine andere Notenbankpolitik. Historische Muster sind nützliche Orientierung, aber keine Blaupause.
Rohstoffe als Alternative – echter Schutz oder neuer Hype?
Rohstoffe wie Öl, Gas, Kupfer oder Gold gelten als klassischer Inflationsschutz – und das mit gutem Grund: Wenn Preise steigen, steigen oft auch die Preise der Rohstoffe selbst, aus denen die Produkte hergestellt werden. Ein Rohstoffinvestor profitiert also direkt.
Aktuell diskutieren viele Experten die Möglichkeit eines neuen, längeren Rohstoffzyklus. Als Treiber gelten:
- Steigender Energiebedarf weltweit
- Ausbau erneuerbarer Energien
- Metalle für KI-Infrastruktur (Kupfer, Lithium)
- Geopolitische Lieferkettenrisiken
Ob sich daraus ein dauerhafter Trend entwickelt, ist offen. Rohstoffinvestments sind selbst volatil und eignen sich nicht als risikoarme Beimischung für jedes Portfolio.
Warum investieren große Anleger trotzdem weiter in Aktien?
Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Doch professionelle Investoren – Pensionsfonds, Versicherungen, Staatsfonds – haben oft keine wirkliche Wahl: Sie müssen langfristig Rendite erzielen und können nicht einfach in Cash parken.
Dazu kommt: Anleihen, die klassische Alternative, leiden in Hochzinsphasen ebenfalls – denn auch ihr Kurs fällt, wenn die Zinsen steigen (das gleiche Abzinsungsprinzip gilt). Aktien können im Vergleich also trotzdem attraktiver wirken, selbst wenn sie absolut gesehen unter Druck geraten. Zudem befeuern strukturelle Megatrends wie Künstliche Intelligenz kurzfristig die Kurse bestimmter Sektoren.
Das zeigt: Märkte folgen nicht immer der scheinbar logischen Route – Kapitalströme, Alternativlosigkeit und Stimmung spielen eine ebenso große Rolle.
Fazit:
Es kommt auf die Auswahl an – nicht auf die Anlageklasse allein
- Aktien sind kein automatischer Inflationsschutz. Der Glaube daran ist weit verbreitet, aber trügerisch.
- Unternehmen mit stabilen Gewinnen und echter Preissetzungsmacht – also der Fähigkeit, steigende Kosten an Kunden weiterzugeben – sind in Inflationsphasen robuster.
- Hoch bewertete Wachstumsaktien mit weit entfernten Gewinnerwartungen (lange Duration) reagieren besonders empfindlich auf Zinserhöhungen.
- Rohstoffe können eine sinnvolle Ergänzung sein, sind aber kein risikofreies Allheilmittel.
- Die Struktur des Portfolios entscheidet – nicht die Frage „Aktien: ja oder nein?“.




