Der Optionshandel klingt am Anfang oft komplizierter, als er ist. Wer nicht weiß, wann man in den Markt einsteigen oder ihn wieder verlassen sollte, hat in der Regel ein einziges Problem: Die Grundlagen sind noch nicht wirklich sitzend. Dieses Kapitel schließt genau diese Lücke.
Bevor Sie sich an komplexere Strategien wagen, sollten Sie die Grundstrategien beherrschen – und zwar so gut, dass Sie sie im Schlaf erklären könnten. Alles, was später folgt, baut darauf auf.
Im Kern ist Optionshandel ein Geschäft zwischen zwei Parteien: Eine Seite kauft, die andere verkauft. Gehandelt wird dabei nicht die Aktie selbst, sondern ein Vertrag über ein Recht auf diese Aktie.
Was ist eine Option eigentlich?
Eine Option ist ein Vertrag zwischen einem Käufer und einem Verkäufer (auch Stillhalter genannt). Der Käufer zahlt dem Verkäufer eine Prämie und erhält dafür das Recht – nicht die Pflicht – einen Basiswert (z. B. eine Aktie) bis zu einem festgelegten Termin zu einem festen Preis zu kaufen oder zu verkaufen.
Der Verkäufer nimmt die Prämie ein und geht dafür eine Pflicht ein: Er muss liefern oder abnehmen, wenn der Käufer sein Recht ausübt. Wichtig: Der Verkäufer muss den Basiswert zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt besitzen. Besitzt er ihn, spricht man von einer gedeckten („covered“) Position; besitzt er ihn nicht, von einer ungedeckten oder „naked“ Position – letztere ist deutlich riskanter.
Merksatz
Käufer = Recht, zahlt Prämie, Risiko begrenzt auf die Prämie.
Verkäufer = Pflicht, erhält Prämie, Risiko kann unbegrenzt sein.
Es gibt zwei Grundtypen: die Call-Option (Recht zu kaufen) und die Put-Option (Recht zu verkaufen).
Auf welche Basiswerte kann man Optionen handeln?
Die meisten Menschen denken bei Optionen zuerst an Aktien, doch der Optionshandel geht weit darüber hinaus. Optionen existieren unter anderem auf:
- Aktien
- Indizes (z. B. DAX)
- ETFs
- Anleihen
- Rohstoffe
- Währungen
- Futures und andere Derivate (*)
Der Basiswert kann also variieren – die grundlegenden Handelsprinzipien bleiben jedoch in allen Fällen gleich.
Drei Grundhaltungen: bullisch, bärisch, neutral
Der Markt bewegt sich ständig. Um Geld zu verdienen, müssen Sie eine Einschätzung treffen: Wird der Kurs steigen, fallen oder sich kaum bewegen? Aus dieser Einschätzung leitet sich die passende Strategie ab:
- Erwarten Sie steigende Kurse → bullische Strategie
- Erwarten Sie fallende Kurse → bärische Strategie
- Erwarten Sie kaum Bewegung → neutrale Strategie
Anstatt eine Aktie direkt zu kaufen und im Fallfall den vollen Kursverlust zu tragen, können Sie mit Optionen Ihr Risiko gezielter steuern.
Bullische Handelsstrategien
Eine bullische Strategie setzen Sie ein, wenn Ihre Analyse – fundamental wie technisch – auf steigende Kurse des Basiswerts hindeutet.
Kauf einer Call-Option (Long Call)
Die einfachste und gängigste bullische Strategie ist der Kauf einer Call-Option. Sie zahlen dafür eine Prämie und haben das Recht, den Basiswert bis zum Verfallstag zum vereinbarten Ausübungspreis zu kaufen.
Damit Sie tatsächlich Gewinn machen, muss der Kurs bis zum Verfall über die Summe aus Ausübungspreis und gezahlter Prämie steigen – diesen Punkt nennt man Break-even. Steigt der Kurs darüber hinaus, ist Ihr Gewinn theoretisch unbegrenzt. Bleibt der Kurs darunter oder fällt er, verlieren Sie maximal die gezahlte Prämie – nicht mehr.
Kauf einer Protective Put-Option
Eine zweite Möglichkeit, eine grundsätzlich bullische bzw. langfristig optimistische Position abzusichern, ist der Protective Put. Sie besitzen die Aktie bereits und kaufen zusätzlich eine Put-Option als eine Art Versicherung gegen Kursrückgänge.
Fällt der Aktienkurs, gleicht der Wertgewinn der Put-Option zumindest einen Teil des Verlusts aus. Steigt der Kurs stattdessen weiter, verfällt die Put-Option wertlos – genau wie eine nicht in Anspruch genommene Versicherung. Ihr Verlust beschränkt sich dann auf die gezahlte Prämie, während Sie an den Kursgewinnen der Aktie weiter voll teilhaben.
Bärische Handelsstrategien
Erwarten Sie, dass der Kurs eines Basiswerts fällt, ist eine bärische Strategie die passende Wahl. Ziel ist es, einen Gewinn zu erzielen, wenn der Kurs bis zum Verfall unter den Ausübungspreis fällt.
Kauf einer Put-Option (Long Put)
Die wichtigste und für Einsteiger am besten geeignete bärische Strategie ist der einfache Put-Kauf. Im Unterschied zum Protective Put besitzen Sie hier die Aktie nicht – Sie kaufen die Put-Option rein spekulativ, weil Sie auf fallende Kurse setzen.
Fällt der Kurs unter den Ausübungspreis abzüglich der gezahlten Prämie, erzielen Sie einen Gewinn. Steigt der Kurs stattdessen, verlieren Sie maximal die gezahlte Prämie.
Verwechslungsgefahr
Protective Put: Sie besitzen die Aktie und sichern eine bestehende Position ab.
Long Put: Sie besitzen die Aktie nicht und setzen rein spekulativ auf fallende Kurse.
Für moderatere Kursrückgänge eignet sich außerdem ein Bear Put Spread: Sie kaufen eine Put-Option mit höherem Ausübungspreis und verkaufen gleichzeitig eine mit niedrigerem Ausübungspreis. Das senkt die Kosten, begrenzt im Gegenzug aber auch den maximal möglichen Gewinn.
Eine deutlich riskantere bärische Strategie ist der Verkauf einer ungedeckten Call-Option (Naked Call), also ohne den Basiswert zu besitzen. Steigt der Kurs entgegen Ihrer Erwartung stark an, ist Ihr Verlustrisiko theoretisch unbegrenzt. Diese Strategie sollten nur erfahrene Trader mit entsprechendem Risikomanagement einsetzen.
Wichtig: Der Markt kann sich immer anders entwickeln, als Sie es prognostiziert haben. Berücksichtigen Sie bei jeder Entscheidung daher stets weitere Faktoren und nicht nur Ihre eigene Markterwartung.
Neutrale Optionsstrategien
Eine neutrale Strategie wenden Sie an, wenn Sie nach Ihrer technischen und fundamentalen Analyse erwarten, dass sich der Kurs eines Basiswerts kaum bewegen wird – etwa weil keine größeren Unternehmensereignisse bevorstehen.
In einer solchen Phase ist die Volatilität gering, der Kurs bewegt sich seitwärts. Typische Strategien hierfür sind:
- Straddle – gleichzeitiger Kauf (oder Verkauf) einer Call- und einer Put-Option zum gleichen Ausübungspreis
- Strangle – ähnlich wie der Straddle, jedoch mit unterschiedlichen Ausübungspreisen, meist günstiger
- Condor – Kombination aus vier Optionen, die von einer engen Handelsspanne profitiert
- Ratio Spread – ungleiche Anzahl gekaufter und verkaufter Optionen zur Feinabstimmung von Kosten und Risiko
Diese Strategien werden in einem späteren Kapitel im Detail erklärt. An dieser Stelle reicht es, ihre grundsätzliche Funktion einordnen zu können.
Besonderheiten beim Optionshandel in Deutschland
Die bisher beschriebenen Grundprinzipien gelten weltweit gleich. Wer von Deutschland aus handelt, sollte aber einige lokale Besonderheiten kennen.
Handelsplatz: Optionen auf deutsche Aktien und auf den DAX werden überwiegend über die Eurex gehandelt, die führende Terminbörse in Europa (gemeinsam von der Deutschen Börse und der Schweizer Börse SIX betrieben) – nicht über US-Börsen wie die CBOE. Kontraktgrößen, Ausübungsstil (amerikanisch oder europäisch) und Abwicklungsart (Barausgleich oder physische Lieferung) unterscheiden sich je nach Kontrakt und sollten vor dem Handel in den jeweiligen Kontraktspezifikationen geprüft werden.
Besteuerung: Gewinne aus dem Optionshandel zählen in Deutschland zu den Einkünften aus Kapitalvermögen und unterliegen grundsätzlich der Abgeltungssteuer von 25 % zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Bis Ende 2024 galt für Verluste aus sogenannten Termingeschäften – dazu zählen auch Optionen – eine Sonderregel: Sie konnten nur bis zu 20.000 Euro pro Jahr mit Gewinnen verrechnet werden. Diese Begrenzung wurde durch das Jahressteuergesetz 2024 rückwirkend für alle offenen Fälle aufgehoben, Verluste lassen sich seither wieder unbegrenzt mit Gewinnen aus Kapitalvermögen verrechnen.
Dieser Absatz ersetzt keine individuelle Steuerberatung. Für die persönliche steuerliche Einordnung sollten Sie sich an einen Steuerberater wenden.
Regulierung: Banken und Broker (*), die in Deutschland Optionshandel anbieten, unterliegen der Aufsicht der BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) und müssen vor der Freischaltung des Optionshandels eine sogenannte Geeignetheits- oder Angemessenheitsprüfung durchführen, um sicherzustellen, dass Kunden die Risiken von Optionsgeschäften verstehen.
Zusammenfassung
Optionshandel beginnt immer mit der gleichen Grundfrage: Erwarten Sie steigende, fallende oder stabile Kurse? Aus der Antwort ergibt sich die passende Strategiefamilie:
- Bullisch: Call-Kauf oder Protective Put
- Bärisch: Put-Kauf, Bear Put Spread oder – mit deutlich höherem Risiko – ungedeckte Calls
- Neutral: Straddle, Strangle, Condor oder Ratio Spread
Wer diese Grundstrategien sicher beherrscht, hat das wichtigste Fundament für alle weiteren, fortgeschritteneren Themen dieses Buches gelegt.
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Risikoinformation
Anlegen ist riskant. Es gibt Produkte, bei denen Ihr Verlust Ihre Einlage übersteigen kann. Die in unseren Beiträgen vorgestellten Strategien oder Informationen dienen ausschließlich als Beispiel für ein besseres Verständnis. Sie sind keine Empfehlungen zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Bitte beachten Sie, dass bei Investitionen am Kapitalmarkt Kursbewegungen große Schwankungen beim eingesetzten Kapital bewirken können, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Wir empfehlen, dass Sie sich vor einer Investition am Kapitalmarkt gut über die Funktionsweise von Produkten und die Risiken informieren, z. B. in den Dokumenten zur Risikoaufklärung.




