Vielleicht hast du es auch schon gesehen. Auf YouTube und Instagram tauchen seit Jahren Werbungen auf, die dir versprechen, du könntest deine Aktien „vermieten“ und damit bis zu 4 Prozent Rendite pro Monat machen.
4 Prozent im Monat. Klingt verlockend. Lass uns mal nüchtern draufschauen.
Kann man Aktien überhaupt vermieten?
Ja, kann man — allerdings ganz anders, als die Werbung suggeriert. Die einzige Möglichkeit, Aktien tatsächlich zu verleihen, ist, sie an Leerverkäufer weiterzugeben. Also an jemanden, der sich Aktien leiht, um sie sofort zu verkaufen, in der Hoffnung, sie später billiger zurückzukaufen und die Differenz als Gewinn einzustreichen.
Bei vielen Brokern kannst du das mit einem einzigen Klick aktivieren. Und jetzt kommt der Punkt, an dem die 4-Prozent-Geschichte zerbröselt:
Die Leihgebühren, die du dafür bekommst, sind nicht 4 Prozent pro Monat. Sondern meistens 0,3 Prozent pro Jahr. Bei wenigen gefragten Sondertiteln — etwa stark geshorteten Aktien — vielleicht mal 4 Prozent pro Jahr.
Pro Jahr. Nicht pro Monat. Das ist ein erheblicher Unterschied.
Was verkaufen diese Anbieter also wirklich?
Sie verkaufen keine Aktienvermietung. Sie verkaufen Optionshandel — konkret das Schreiben (also Verkaufen) von Put- oder Call-Optionen.
Hier kurz die Mechanik:
- Wer einen Put verkauft, geht die Verpflichtung ein, eine bestimmte Aktie zu einem vorab festgelegten Kurs zu kaufen, falls der Käufer des Puts diese Option ausübt.
- Wer einen Call verkauft, geht die Verpflichtung ein, eine Aktie zu einem festgelegten Kurs zu liefern, falls der Käufer die Option zieht.
Man nennt dich dabei den Stillhalter — weil du die Verpflichtung still hältst und dafür eine Prämie kassierst. Das ist im Kern ein Versicherungsgeschäft: Du übernimmst ein Risiko und wirst dafür bezahlt. Mit Vermietung hat das nichts zu tun.
Der eigentliche Punkt: Optionshandel ist legitim — aber keine Wunderstrategie
Optionshandel ist eine seriöse, jahrzehntealte Strategie. Ich handle selbst intensiv mit Optionen und halte sie für eines der besten Instrumente, um die Rendite eines langfristigen Depots zu steigern — zum Beispiel durch das systematische Verkaufen von Covered Calls auf bestehende Positionen oder Cash-Secured Puts auf Aktien, die du ohnehin kaufen möchtest.
Realistisch kann man damit die jährliche Rendite eines soliden Depots spürbar verbessern — vielleicht von 8 auf 10 bis 12 Prozent pro Jahr. Das klingt unspektakulär, ist aber über Jahrzehnte hinweg gewaltig.
Aber 4 Prozent pro Monat? Das wären rund 48 Prozent pro Jahr.
Warren Buffett, seit über 60 aktiven Börsenjahren investiert und einer der wenigen, der diese Strategie auch selbst anwendet, hat im Schnitt etwa 20 Prozent pro Jahr erzielt — und gilt damit als der erfolgreichste Investor der Geschichte. Wer dir 48 Prozent verspricht, behauptet implizit, mehr als doppelt so gut zu sein wie Buffett. Jahr für Jahr. Verlässlich.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis
Einer dieser Anbieter hat einen eigenen Fonds aufgelegt, in dem genau diese Strategie umgesetzt werden soll. Den Fonds gibt es seit fünf Jahren. Die Gesamtrendite seitdem: minus 10 Prozent.
Bei 4 Prozent pro Monat und Zinseszins müssten dort inzwischen grob 1.000 Prozent stehen. Die Lücke zwischen Versprechen und Realität ist nicht klein — sie ist astronomisch.
Mein Fazit
Die Strategie selbst — Optionen verkaufen, um Prämien zu vereinnahmen — ist absolut legitim und kann sehr profitabel sein. Aber sie heißt Optionshandel, nicht Aktienvermietung. Und seriöse Renditeerwartungen liegen bei mehreren Prozent pro Jahr zusätzlich, nicht bei 4 Prozent pro Monat.
Wer dir das Märchen von der Aktienvermietung erzählt, will dich entweder durch irreführendes Marketing in ein Produkt locken, das er dir nicht ehrlich verkaufen könnte — oder er versteht selbst nicht, was er da tut. Beides ist kein guter Start für dein Geld.
Wenn du Optionen lernen willst: Lerne sie unter ihrem richtigen Namen. Mit klaren Regeln, realistischen Renditeerwartungen und einem soliden Fundament. Dann sind sie ein mächtiges Werkzeug. Ohne dieses Fundament sind sie ein teures Missverständnis.




