Der ungedeckte Call (Short Call)

Warum diese Strategie erfahrene Händler nervös und Anfänger arm macht

Manche Optionsstrategien sehen auf den ersten Blick harmlos aus. Sie bringen regelmäßig kleine Gewinne, fühlen sich kontrollierbar an und wirken fast langweilig.
Der ungedeckte Call gehört genau in diese Kategorie – und ist gleichzeitig eine der gefährlichsten Strategien, die es im Optionshandel gibt.

Er wird oft mit einem drastischen Bild beschrieben:
„Mit Kettensägen jonglieren, um ein paar Cent aufzuheben.“

In diesem Artikel schauen wir uns an:

  • was ein ungedeckter Call überhaupt ist
  • warum das Risiko dabei unbegrenzt ist
  • wie Stop-Loss und „Rettungsmaßnahmen“ theoretisch aussehen
  • und warum all das im Ernstfall trotzdem nicht reicht

1. Was ist ein ungedeckter Call?

Ein Call gibt dem Käufer das Recht, eine Aktie zu einem festen Preis (dem Ausübungspreis) zu kaufen.
Wenn Sie einen Call verkaufen, verpflichten Sie sich, diese Aktie zu liefern – falls der Käufer sein Recht ausübt.

Ungedeckt (Naked) bedeutet:
Sie besitzen die Aktie nicht.

Steigt der Aktienkurs stark, müssen Sie die Aktie am Markt zu jedem Preis kaufen, um sie dem Käufer zu liefern.


2. Die Grundidee hinter dem Short Call

Ein ungedeckter Call wird verkauft, wenn Sie glauben:

  • die Aktie wird fallen, oder
  • sie wird seitwärts laufen, oder
  • sie wird nicht stark steigen

Ihr Gewinn ist einfach:

  • Sie kassieren die Optionsprämie
  • verfällt die Option wertlos, behalten Sie das Geld

Wichtig:
Der maximale Gewinn ist von Anfang an festgelegt – und sehr klein.


3. Das große Problem: unbegrenztes Risiko

Eine Aktie kann:

  • von 50 € auf 60 € steigen
  • von 50 € auf 100 € steigen
  • von 50 € auf 500 € steigen

Nach oben gibt es keine Grenze.

Jeder weitere Euro Kursanstieg bedeutet mehr Verlust für den Verkäufer des Calls.

Maximaler Gewinn: begrenzt (die Prämie)
Maximaler Verlust: theoretisch unendlich

Das ist der Kern des Problems.


4. Warum prozentuale Stop-Losses hier nichts taugen

Viele Anfänger denken:
„Ich setze einfach einen Stop bei –30 % oder –50 %.“

Das funktioniert bei Trades mit begrenztem Risiko.
Beim ungedeckten Call funktioniert es nicht.

Warum?

  • Der Optionspreis kann sich explosionsartig bewegen
  • Gaps über Nacht machen Stops wirkungslos
  • Verluste können sich verzehnfachen, bevor Sie reagieren können

Ein prozentualer Stop sagt nichts darüber aus, ob Ihre ursprüngliche Idee noch stimmt.


5. Der einzig sinnvolle Stop-Loss: technisch, nicht emotional

Ein sinnvoller Stop-Loss beim Short Call basiert auf der Chartstruktur.

Beispiel:

  • Aktie steht bei 49 €
  • Starker Widerstand bei 50 €, seit Monaten
  • Sie verkaufen einen 55-€-Call

Ihre These:
„Die Aktie schafft es nicht nachhaltig über 50 €.“

Stop-Loss-Regel:
Wenn die Aktie klar über 50 € ausbricht und dort schließt, ist Ihre Idee falsch.
Nicht später. Nicht „mal schauen“. Sofort raus.

Der Stop liegt also nicht am Ausübungspreis, sondern dort, wo Ihre Marktannahme widerlegt wird.


6. Wenn der Kurs langsam gegen Sie läuft: Ihre Optionen

Manchmal passiert Folgendes:

  • kein Ausbruch
  • aber ein langsames Hochkriechen des Kurses
  • die Option wird immer teurer

Dann gibt es zwei klassische Reaktionen:

Möglichkeit 1: Rollen („Roll up & out“)

Sie:

  • kaufen den alten Call zurück
  • verkaufen einen neuen Call
    • höherer Ausübungspreis
    • längere Laufzeit

Oft erhalten Sie dabei sogar zusätzliche Prämie.

⚠️ Problem:
Sie verschieben das Risiko nur nach hinten.
Wenn Sie falsch liegen, bleibt das Problem bestehen.


Möglichkeit 2: Umwandlung in einen Spread (die vernünftigere Lösung)

Statt zu hoffen, begrenzen Sie das Risiko aktiv:

  • Sie kaufen einen Call mit höherem Ausübungspreis
  • aus dem ungedeckten Call wird ein Bear-Call-Spread

Ergebnis:

  • Ihr maximaler Gewinn sinkt
  • aber: Ihr Risiko ist jetzt begrenzt

Sie können wieder ruhig schlafen.
Keine unendlichen Verluste mehr.


7. Die große Falle: hohe Wahrscheinlichkeit

Jetzt kommt der gefährlichste Teil.

Ein typischer Trade:

  • 45 Tage Laufzeit
  • Strike weit aus dem Geld
  • Gewinnwahrscheinlichkeit: über 90 %
  • Prämie: 50 €

Monatelang läuft alles perfekt:

  • +50 €
  • +50 €
  • +50 €

Der Händler wird selbstsicher.


8. Das Ereignis, das alles zerstört (Tail Risk)

Dann passiert es:

  • Übernahmeangebot
  • positive FDA-Studie
  • überraschende Quartalszahlen

Die Aktie:

  • schließt bei 49 €
  • eröffnet am nächsten Tag bei 79 €

Ihr Stop bei 50 €?
Nutzlos.

Der 55-€-Call:

  • verkauft für 0,50 €
  • jetzt wert: 24 €

Verlust: 2.350 €, um vorher 50 € zu verdienen.

Das ist Tail Risk – selten, brutal, zerstörerisch.
Kein Rollen, kein Stop, kein Management schützt davor.


9. Zahlenbeispiel: ungedeckter Call auf ORI

Aktienkurs bei VerfallGewinn / VerlustBedeutung
50 €+50 €Maximaler Gewinn
55 €+50 €Maximaler Gewinn
55,50 €0 €Gewinnschwelle
60 €–450 €9-facher Verlust
80 €–2.450 €existenzgefährdend

10. Zusammenfassung: Sollte man ungedeckte Calls handeln?

Kurz gesagt:
Für Privatanleger: Nein.

Vorteile

  • hohe Gewinnwahrscheinlichkeit
  • regelmäßige kleine Erträge

Nachteile

  • unbegrenztes Risiko
  • katastrophale Verluste möglich
  • emotionale Selbstüberschätzung
  • ein einziges Ereignis kann Jahre an Gewinnen auslöschen

Wenn überhaupt, dann nur:

  • mit extremem Risikobewusstsein
  • mit klaren technischen Stops
  • und am besten gar nicht ungedeckt, sondern als Spread

Merksatz zum Schluss

Viele kleine Gewinne machen keinen guten Trade,
wenn ein einziger Verlust alles zerstören kann.

Oder anders gesagt:
Optionshandel ist kein Ort für Kettensägen.

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