Der Long Call

Die Grundlage bullischer Optionsstrategien – einfach erklärt

Wer an der Börse auf steigende Kurse setzen möchte, denkt meist zuerst an den Kauf von Aktien. Doch es gibt eine Alternative, die weniger Kapital erfordert und bei klar definiertem Risiko große Chancen bietet: der Long Call.

Diese Strategie ist die einfachste und grundlegendste Optionsstrategie – und damit der perfekte Einstieg in den Optionshandel.


1. Was ist ein Long Call?

Ein Long Call bedeutet ganz einfach:
Sie kaufen eine Call-Option.

Mit dem Kauf einer Call-Option erwerben Sie:

  • das Recht, aber nicht die Pflicht,
  • 100 Aktien eines bestimmten Unternehmens
  • zu einem festen Preis (dem Ausübungspreis)
  • bis zu einem bestimmten Datum (dem Verfallsdatum) zu kaufen.

Für dieses Recht zahlen Sie einen Preis, die sogenannte Optionsprämie.

Wichtig für Anfänger:

  • Diese Prämie ist Ihr maximaler Verlust.
  • Mehr als das können Sie nicht verlieren – egal, was passiert.

2. Warum nicht einfach die Aktie kaufen?

Ein Beispiel macht es klar:

  • 100 Aktien von Apple (AAPL) zu 215 $ kosten 21.500 $.
  • Eine Call-Option auf dieselben 100 Aktien kostet vielleicht nur 850 $.

Sie kontrollieren also dieselbe Aktienmenge mit deutlich weniger Kapital.
Das nennt man Hebelwirkung.

Vorteil:

  • Geringerer Kapitaleinsatz
  • Klar begrenztes Risiko

Nachteil:

  • Die Option hat ein Ablaufdatum
  • Zeit arbeitet gegen Sie (dazu gleich mehr)

3. Wann macht ein Long Call Sinn?

Ein Long Call eignet sich besonders dann, wenn Sie:

  • sehr bullish sind (starker Kursanstieg erwartet)
  • ein klares Kaufsignal haben, z. B.:
    • Ausbruch über einen wichtigen Widerstand
    • hohes Handelsvolumen
  • glauben, dass der Kurs relativ bald deutlich steigt

Ein Long Call ist keine „Vielleicht“-Strategie.
Sie müssen bei Richtung und Timing einigermaßen richtig liegen.


4. Die drei wichtigsten „Griechen“ – einfach erklärt

Optionen reagieren auf verschiedene Faktoren. Diese Reaktionen werden mit den sogenannten Griechen gemessen. Für Long Calls sind drei besonders wichtig.


4.1 Delta – wie stark reagiert die Option auf den Aktienkurs?

  • Delta zeigt, wie stark sich der Optionspreis verändert, wenn die Aktie um 1 $ steigt.
  • Beispiel:
    • Delta = 0,50
    • Aktie +1 $ → Option ca. +0,50 $ (= 50 $ pro Kontrakt)

Faustregel:

  • Delta ist auch eine grobe Wahrscheinlichkeit, dass die Option im Geld endet.
  • Steigt der Aktienkurs, steigt auch das Delta.

4.2 Theta – der tägliche Zeitverlust

Theta ist der größte Feind des Optionskäufers.

  • Es zeigt, wie viel Wert die Option jeden Tag verliert, nur weil Zeit vergeht.
  • Man kann es sich wie eine Miete vorstellen, die täglich fällig wird.

Wichtig:

  • Der Zeitwertverfall beschleunigt sich stark in den letzten 30–45 Tagen vor dem Verfall.
  • Deshalb kaufen Anfänger oft besser Optionen mit längerer Laufzeit.

4.3 Vega – die Rolle der impliziten Volatilität

Vega misst, wie stark der Optionspreis auf Änderungen der impliziten Volatilität (IV) reagiert.

  • Als Käufer eines Calls sind Sie „long Vega“:
    • Steigt die IV → Option gewinnt an Wert
  • Besonders attraktiv:
    • Calls kaufen, wenn die IV niedrig ist
    • Dann sind Optionen statistisch gesehen „günstig“

5. Das große Risiko: Zeit

Ein wichtiger Punkt, den viele Anfänger unterschätzen:

Sobald Sie eine Call-Option kaufen, läuft die Uhr gegen Sie.

Wenn:

  • die Aktie nicht steigt
  • oder zu langsam steigt

dann frisst der Zeitwertverfall Ihre Option auf – selbst wenn Sie mit der Richtung recht hatten.

Deshalb ist ein Long Call:

  • chancenreich
  • aber anspruchsvoll

6. Trade-Management: Was tun nach dem Einstieg?

6.1 Gewinne mitnehmen

Die einfachste Regel:

  • Hat sich der Optionswert z. B. verdoppelt → verkaufen und Gewinn sichern.

Das ist völlig legitim – und oft die beste Entscheidung.


6.2 Rollen: „Roll Up and Out“

Wenn Sie glauben, dass die Aktie weiter stark steigen wird, können Sie:

  1. den aktuellen, profitablen Call verkaufen
  2. einen neuen Call kaufen mit:
    • höherem Ausübungspreis
    • späterem Verfallsdatum

Oft ist das sogar:

  • mit einer Gutschrift möglich
  • bei gleichzeitig geringerem Risiko

6.3 Verlängerung bei Zeitmangel

Wenn die Aktie seitwärts läuft, Sie aber weiter überzeugt sind:

  • alte Option verkaufen
  • gleiche Option mit späterem Verfall kaufen

Achtung:

  • Das kostet Geld
  • Fragen Sie sich ehrlich:
    • Verlängere ich einen guten Trade?
    • Oder rette ich nur einen Verlierer?

Diese Regeln sollten vor dem Einstieg festgelegt werden.


7. Praxisbeispiel: Apple (AAPL)

  • Apple steht bei 215 $
  • Widerstand bei 214 $ wurde nach oben durchbrochen
  • Marktausblick: bullish

Der Trade:

  • Kauf eines 60-Tage-Calls
  • Ausübungspreis: 215 $
  • Prämie: 8,50 $ (= 850 $ Risiko)

Beispielhafte Kennzahlen:

  • Delta: 0,52
  • Theta: -0,07
  • Vega: 0,15

Bedeutung:

  • +1 $ im Aktienkurs → +52 $ Optionswert
  • -7 $ pro Tag Zeitwertverlust
  • +15 $ bei +1 Punkt IV

Ergebnis bei Verfall (vereinfacht)

AAPL-KursOptionswertGewinn / Verlust
205 $0 $-850 $
215 $0 $-850 $
223,50 $8,50 $0 $
230 $15 $+650 $
240 $25 $+1.650 $

8. Zusammenfassung: Der Long Call auf einen Blick

Strategie: Long Call
Marktausblick: Stark bullish
Maximaler Gewinn: Unbegrenzt
Maximales Risiko: Gezahlte Prämie
Gewinnschwelle: Ausübungspreis + Prämie

Wichtige Kennzahlen:

  • Delta: positiv (profitiert von steigenden Kursen)
  • Theta: negativ (Zeit arbeitet gegen Sie)
  • Vega: positiv (steigende Volatilität hilft)

Management:

  • Gewinnziel und Stop-Loss vorab festlegen
  • Rollen nur mit klarer Begründung

Fazit

Der Long Call ist:

  • die Basis aller bullischen Optionsstrategien
  • einfach zu verstehen
  • aber anspruchsvoll in der Umsetzung

Für Anfänger ist er ideal, um:

  • Optionsmechaniken zu lernen
  • Risiko klar zu begrenzen
  • Hebelwirkung bewusst einzusetzen

Wer den Long Call beherrscht, hat ein solides Fundament für alle weiteren Optionsstrategien.

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