Der professionelle Weg, auf steigende Kurse zu setzen
Viele Einsteiger lernen Optionen zuerst über den Long Call:
Man kauft eine Call-Option und hofft, dass der Kurs stark steigt. Das kann funktionieren – ist aber oft teuer, riskant und psychologisch schwierig.
Der Bull Call Spread ist die erwachsenere Version dieser Idee.
Er tauscht unbegrenzte Fantasie gegen klare Wahrscheinlichkeiten, begrenztes Risiko und kontrollierte Gewinne.
1. Grundidee: Von Hoffnung zu Wahrscheinlichkeit
Ein Long Call ist eine Wette auf ein extremes Ereignis:
„Die Aktie MUSS stark steigen – und zwar schnell.“
Ein Bull Call Spread sagt stattdessen:
„Die Aktie wird wahrscheinlich moderat steigen – bis ungefähr zu diesem Preis.“
Du verzichtest bewusst auf den „Mondflug“, bekommst dafür:
- geringere Kosten
- höhere Gewinnwahrscheinlichkeit
- weniger Zeitdruck
- klar definierte Risiken
Das ist kein Nachteil – das ist professionelles Denken.
2. Was ist ein Bull Call Spread?
Ein Bull Call Spread besteht immer aus zwei Call-Optionen mit gleichem Verfall:
- Du kaufst einen Call (niedrigerer Ausübungspreis)
- Du verkaufst einen Call (höherer Ausübungspreis)
Da der gekaufte Call teurer ist als der verkaufte, zahlst du netto Geld →
deshalb nennt man ihn auch Debit Spread.
3. Die Anatomie des Spreads: Motor und Bremse
Der gekaufte Call – der Motor
- profitiert von steigenden Kursen
- hat positives Delta (steigt mit dem Kurs)
- profitiert von steigender Volatilität
Er sorgt dafür, dass dein Trade Geld verdient.
Der verkaufte Call – Bremse & Sponsor
- begrenzt deinen maximalen Gewinn
- bringt dir Optionsprämie, die deinen Trade verbilligt
- wirkt stabilisierend bei:
- kleinen Rücksetzern
- fallender impliziter Volatilität
Man kann ihn sich wie einen Sponsor vorstellen, der einen Teil der Kosten übernimmt – dafür willst du keinen unbegrenzten Gewinn.
4. Warum sich das psychologisch „falsch“ anfühlt – aber richtig ist
Viele Anfänger denken:
„Wenn die Aktie explodiert, verliere ich doch Geld!“
Nein.
Du verlierst kein Geld, du verzichtest nur auf zusätzliches.
Der Bull Call Spread ist keine Wette auf „alles oder nichts“, sondern auf:
- Realistische Kursziele
- statistische Vorteile
- Planbarkeit
Professionelle Trader handeln Basistreffer, keine Homeruns.
5. Der große Vorteil: Zeit arbeitet weniger gegen dich
Ein einzelner Long Call verliert jeden Tag an Wert (Theta).
Er ist wie ein schmelzender Eiswürfel.
Durch den verkauften Call:
- wird ein Teil dieses Zeitwertverlusts ausgeglichen
- kann Theta sogar fast neutral werden
Das bedeutet:
Du zahlst weniger „Miete“, um bullisch investiert zu sein.
6. Beispiel aus der Praxis: Walmart (WMT)
- Aktienkurs: 125 $
- Aufwärtstrend, aber Widerstand bei 130 $
Standard-Setup (ATM-Spread)
- Kauf: Call 125 $
- Verkauf: Call 130 $
- Kosten (Debit): 2,00 $ = 200 $
- Maximaler Gewinn: 3,00 $ = 300 $
- Maximaler Verlust: 200 $
7. Unterschiedliche Strike-Auswahl – je nach Persönlichkeit
Konservativ: In-the-Money (ITM)
- Call 120 $ kaufen
- Call 125 $ verkaufen
- Höhere Kosten, geringerer Gewinn
- Hohe Erfolgswahrscheinlichkeit (ca. 65–70 %)
Ideal für Trader, die konstant gewinnen wollen.
Ausgewogen: At-the-Money (ATM)
- Call am aktuellen Kurs kaufen
- Call am Widerstand verkaufen
- Gutes Verhältnis aus Risiko und Rendite
Der Standardansatz für die meisten Trader.
Spekulativ: Out-of-the-Money (OTM)
- Call 130 $ kaufen
- Call 135 $ verkaufen
- Sehr günstig
- Geringe Wahrscheinlichkeit, aber hohes Potenzial
Eher wie ein kontrolliertes Lottoticket – sinnvoll nur als kleine Beimischung.
8. Gewinn- und Verlustmanagement: Der unterschätzte Teil
Gewinnmitnahme (sehr wichtig!)
Ein Bull Call Spread hat einen Maximalwert.
Je näher du diesem kommst, desto schlechter wird dein Chance-Risiko-Verhältnis.
Professionelle Regel:
- Gewinne bei 70–80 % des maximalen Gewinns realisieren
Beispiel:
- Einsatz: 2,00 $
- Spread steigt auf 3,50 $
- Gewinn: 1,50 $ → 75 % Rendite
- Trade schließen, Gewinn sichern
Verlustbegrenzung
Zwei klare Stop-Regeln:
- Technisch: Der Aufwärtstrend bricht
- Prämie: Der Spread verliert 50 % seines Wertes
Was zuerst eintritt → Trade schließen.
So bleibt ein kleiner Verlust klein.
9. Auszahlungsbeispiel bei Verfall (WMT)
| WMT-Kurs | Ergebnis |
|---|---|
| ≤ 125 $ | –200 $ (Maximalverlust) |
| 127 $ | ±0 $ (Break-even) |
| ≥ 130 $ | +300 $ (Maximalgewinn) |
Egal wie stark die Aktie über 130 $ steigt:
Der Gewinn bleibt begrenzt – aber sicher.
10. Wann ist der Bull Call Spread ideal?
Marktausblick:
- Mäßig bullisch
- Kein explosiver Ausbruch erwartet
Ideales Umfeld:
- Sauberer Aufwärtstrend
- Annäherung an Widerstand
- Moderate implizite Volatilität
11. Zusammenfassung
Der Bull Call Spread ist:
- eine strukturierte bullische Strategie
- mit begrenztem Risiko
- definiertem Gewinn
- und deutlich weniger emotionalem Stress
Er ersetzt Hoffnung durch Planung
und Spekulation durch Wahrscheinlichkeit.
👉 Wenn du lernen willst, konsequent und professionell auf steigende Kurse zu setzen, ist der Bull Call Spread ein hervorragender nächster Schritt.




